Buchhandlung Heinrich Kirsch (Verlag), Wien, „Wien VIII. Pfarrkirche St. Franz[iskus] Ser[aphicus]. auf d[em]. Breitenfelde, erbaut 1893–1898“, um 1910, Lichtdruck, nicht gelaufen, Sammlung Wien Museum

Buchhandlung Heinrich Kirsch (Verlag), Wien, „Wien VIII. Pfarrkirche St. Franz[iskus] Ser[aphicus]. auf d[em]. Breitenfelde, erbaut 1893–1898“, um 1910, Lichtdruck, nicht gelaufen, Sammlung Wien Museum

Buchhandlung Heinrich Kirsch (Verlag), Wien, „Wien VIII. Pfarrkirche St. Franz[iskus] Ser[aphicus]. auf d[em]. Breitenfelde, erbaut 1893–1898“, um 1910, Lichtdruck, nicht gelaufen, Sammlung Wien Museum

Das Verborgene im Vordergrund

Wir sehen hier die Breitenfelder Pfarrkirche in der Josefstadt, die selbst vielen WienerInnen wahrscheinlich eher nur vom Vorbeifahren mit der U6 bekannt sein wird. Der markante Backsteinbau, dessen Einweihung im Jahr 1898 auch der Kaiser besuchte, steht für die spätgründerzeitliche Ausbauphase der Gürtelstraße im Westen der Stadt. So öffnete sich die Kirche mit ihrem repräsentativen Eingangsportal anfangs auch zum Gürtel hin. Doch der Umbau vom verbreiteten Kopfsteinpflaster zur ersten Betonstraße Wiens in den 1950er-Jahren und die zunehmende Motorisierung machten diese Lage unattraktiv, seitdem benutzt man den seitlichen Eingang.

Die breite, von Alleen gesäumte Gürtelstraße sollte ursprünglich – was heute paradox klingen mag – nicht nur als bloße Verkehrsschneise, sondern auch als „Luftreservoir“ für die dicht bebaute Großstadt dienen. Selbst die in der Straßenmitte verlaufende und anfangs dampfbetriebene Stadtbahn konnte letzterem Aspekt nicht gänzlich Abbruch tun. Der sogenannte Westgürtel war zwar nie ein klassischer Boulevard, wie er gerne heute bezeichnet wird, er galt dennoch um die Jahrhundertwende als eine relativ gute Wohngegend. Dabei hatte dieser Straßenzug zwei Gesichter, was auch in den Adressbüchern ablesbar war: So waren auf der Innenstadtseite des Gürtels vermehrt Rechtsanwälte, Ärzte und Militäroffiziere verzeichnet, während in den Häusern am äußeren Gürtel tendenziell eher Kellner, Arbeiter und Diener als Haushaltsvorstand vermerkt waren.

Die Vorzüge der Straße waren nämlich ungleich verteilt – je nach Straßenseite. Hier wurde soziale Ungleichheit unmittelbar sichtbar und hat sich in den Straßenraum eingeschrieben. So erhielt der innere Gürtel, also die den bürgerlichen Vorstädten wie der Josefstadt zugewandte Seite, mehr Baumreihen und Grünstreifen. Der äußere Gürtel am Rande der Vororte war dagegen ungleich stärker der Verkehrsbelastung ausgesetzt. Hier fuhren die Lastwagen und die Straßenbahn, während auf der Innenseite einer der ersten kommunalen Radwege für ein damals noch überwiegend bürgerliches Zielpublikum errichtet wurde. (Die im Bild sichtbaren Tramwayschienen waren nur Teil eines Wendegleises, das unterhalb der Stadtbahnbrücke auf die andere Seite des Gürtels führte und bis heute erhalten ist.)

So war der innere Gürtel für viele eine Zeit lang auch ein gern aufgesuchter Aufenthaltsort und Spazierweg. Von diesem Freizeitleben und Alltag im öffentlichen Raum existieren leider kaum fotografische Aufnahmen. Umso bemerkenswerter ist daher die vorliegende Ansichtskarte. Bei genauerer Betrachtung sind im Vordergrund zahlreiche (bürgerlich gekleidete) PassantInnen oder Menschen auf den Bänken sitzend zu sehen. Soweit erkennbar, sind sogar ein (Ehe-)Paar mit Kinderwagen und eine Dame mit Hund abgelichtet. Solche Straßenszenen wären an derselben Stelle heutzutage in Summe wohl kaum vorstellbar, selbst wenn diese weiterhin ein stark frequentierter Kreuzungspunkt in der Stadt ist. In dieser Hinsicht erscheinen der etwas dunkel gehaltene Bildvordergrund und die Staffage somit relevanter als das eigentliche und gängige Motiv der Karte, nämlich die Kirche selbst.

Sándor Békési, 1. Oktober 2025



Permalink: https://postkarten.bonartes.org/index.php/herausgegriffen-detail/Das-Verborgene-im-Vordergrund.html

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