»Diensthöflich übersendet«: Sammeln von Feldpostkarten im k. k. Postmuseum
Im Frühjahr 1916, irgendwo zwischen Folgaria und Lavarone an der Südwestfront zu Italien, lässt sich k. u. k. Feldpost-Kommissär Alfred Resch aus Graz mit zwei Soldaten fotografieren. Man posiert entspannt in korrekter Adjustierung auf einem besonnten Weg, Alfred Resch in der Mitte, eine Zigarette in der Hand, während im Hintergrund weitere Soldaten zu sehen sind, wie sie das Feldpostlager aufschlagen. Es ist augenscheinlich, wer hier das Sagen hat.
Die – ob von einem Ortsfotografen, einem Armee- oder einem Amateurfotografen aus der Truppe gemachte – Aufnahme ist auf Postkartenpapier versandfertig entwickelt worden. Resch schickt die Fotopostkarte Ende Mai 1916 an einen Kollegen. Vorschriftsgemäß wird zur Vorbeugung von Spionage der Ort nicht genannt und die Stempel geben nur die Nummern der Feldpostämter an. Offenkundig enthält die Grußbotschaft auch nichts, was die Zensur hätte beanstanden können. Resch schreibt mit Tintenfeder in gleichmäßiger Handschrift und berichtet von seiner Versetzung an die Südwestfront, »wo ich mich ganz wohl fühle«, informiert über einen familiären Todesfall, erkundigt sich nach dem Wohlergehen des Adressierten und bittet, dessen Frau Gemahlin seine Handküsse zu entrichten. Bildmotiv und Text könnten einem Friedensmanöver des k. u. k. Militärs entstammen, nur die Feldpoststempeln verweisen darauf, dass man sich im Krieg befindet.
Empfänger der Karte ist k. u. k. Feldpostsekretär Adalbert Markus (1868–1955), der im Mai 1916 im schlesischen Teschen (heute Cieszyn/Polen) in der Generalfeldpostdirektion arbeitet. Dessen Vorgesetzter ist Josef von Posch (1851–1932), ein hochrangiger Beamter im Handelsministerium. Als Ministerialrat engagiert sich Posch ehrenamtlich für das k. k. Postmuseum in Wien. Er gehört der philatelistischen Fachgruppe des Museums an und ist für den Aufbau der Briefmarkensammlung zuständig. Von 1912 bis Anfang 1916 fungiert Posch als Direktor des Postmuseums und betreut dessen Übersiedelung ins neuerbaute Technische Museum. Nach Kriegsausbruch ist Posch darauf erpicht, die »Große Zeit« philatelistisch zu inventarisieren, so etwa durch zwei Dutzend »diensthöflich« ans Postmuseum gesendete Feldpostkarten von diversen Kriegsschauplätzen, die wegen der Stempelabdrucke gesammelt werden.
In seiner Funktion als Generalfeldpostdirektor scheint Posch über die ihm unterstellten Armeepostdirektionen auf die Amtsleiter der Feldpostämter einzuwirken, nicht nur »erbeutete« Postbetriebsobjekte des Gegners nach Wien an das Postmuseum zu schicken, sondern auch Philatelica. So langen etwa 800 präzis gestempelte Leerkuverts im Feldpostamt 51 ein, das der Generalfeldpostdirektion zugeordnet ist und in dem Adalbert Markus arbeitet.
Die so sorgsam in Bild und Schrift aufgesetzte Fotokarte seines Kollegen Resch könnte ein Kandidat für die künftige Philatelie-Abteilung des Postmuseums sein, zumindest die gut lesbaren Stempel. Das kleinformatige Bildmotiv hingegen ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung. Im Übrigen läuft es in seiner lässig-ruhigen Inszenierung der vom Kriegsministerium gewünschten Bebilderung der »Großen Zeit« entgegen. Gewünscht sind Feldpostfotografien – durchaus von Amateuren, durchaus mit kleinen technischen Fehlern –, die vermeintlich ungekünstelt oder ungestellt das Pflichtbewusstsein, das Durchhaltevermögen und die Gemeinschaft der österreichisch-ungarischen Soldaten im mühevollen Feldpostalltag illustrieren.
Ab Sommer 1916 treffen die ersten vergrößerten und kartonierten Feldpostfotografien im Postmuseum ein, die zusammen mit diversen Objekten der Feldpost von der erhofft siegreichen Armee zeugen sollen. Aufnahmen von der Postverteilung mit ordentlich aufgereihten und gutgelaunten Soldaten wirken wie ein fotografisches Echo auf die zur gleichen Zeit kursierenden bunt gemalten Propagandapostkarten zur k. u. k. Feldpost. Ungesehen bleiben in beiden Genres die chaosartigen Szenen, die sich beim Auftauchen eines Feldpostamts unter den erschöpften, aber schreibhungrigen Soldaten abspielen, vor allem dann, wenn der Vorrat an vorgedruckten Postkarten nicht mehr für alle ausreicht wie auch nicht die verbleibende Zeit bis zum Abmarsch, die, wenn überhaupt, nur einige hastig mit Bleistift hingekritzelte Zeilen zulässt.
Der Krieg endet 1918, doch werden im Postmuseum weder die Philatelie-Abteilung noch eine Schaufläche für Verdienste der k. u. k. Feldpost realisiert, obgleich sich im Laufe der Jahrzehnte weitere Lichtbilder und Hunderte von Feldpostkarten aus dem Krieg ansammeln. 1953 überlässt Adalbert Markus dem Postmuseum seine Sammlung an privaten Kriegserinnerungen, die von Kleinobjekten über Fotoalben und Ansichtskarten aus Etappenorten bis zu Korrespondenzkarten reichen, die an die Generalfeldpostdirektion gerichtet sind. Sein Vorlass bildet den letzten Zugang an Memorabilia zum Ersten Weltkrieg, den das Postmuseum verzeichnet. Für Ausstellungs- oder Forschungszwecke werden diese Archivbestände mit Ausnahme weniger Lichtbilder nie herangezogen. Sie verschwinden, nach philatelistischen Kriterien inventarisiert, im Dunkel des Archivs und sind inzwischen, nach Eingliederung des Postmuseums ins Technische Museum Wien 1980, Teil des TMW-Archivs.
Überhaupt spielte das mit zwei Weltkriegen verbundene Thema »Feldpost« im Postmuseum eine untergeordnete Rolle. Die 1958 eröffnete Feldpost-Abteilung (15 Objekte, ein paar gerahmte Lichtbilder) blieb auf Kaisermanöver und den Ersten Weltkrieg beschränkt, wobei es in der Präsentation keine klare Trennung zwischen Relikten vor und aus dem Weltkrieg gab. Betont wurde der funktionale Wert der Feldpost als Bindeglied zwischen Menschen an der Front und Menschen in der Heimat. Der destruktive Hintergrund ihrer Existenz wurde ausgeblendet. Mit dieser geglätteten Präsentation fügte sich die k. u. k. Feldpost gut ein in das offizielle Image der staatlichen Post als stets dem Menschen verpflichteter Kulturträger im Dienste des Nachrichtenverkehrs. Welchem politischen Regime »die Post« in der Vergangenheit diente, war weniger wichtig als ihre grandiose Fähigkeit, allen widrigen Umständen zum Trotz Menschen miteinander zu verbinden.
Mirko Herzog, 1. Mai 2026
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