Durch den Krieg in den Dienst
Lange Zeit durften bei den Wiener Straßenbahnen nur Männer als Schaffner arbeiten. Dies änderte sich während des Ersten Weltkriegs. Bald nach Kriegsbeginn wurde nahezu die Hälfte des damaligen Personalstandes (einschließlich der Fahrer) einberufen. Der Mangel an geeigneten männlichen Arbeitskräften veranlasste die Verkehrsbetriebe, Frauen für den Fahrdienst einzustellen, zunächst nur als Schaffnerinnen, später auch als Fahrerinnen. So wurde der Schaffnerdienst im Laufe der Kriegsjahre allmählich von weiblichen Arbeitskräften dominiert. Die frisch eingeschulten und zum Teil noch recht jungen Frauen hatten „ihren Mann“ unter schwierigsten Bedingungen zu stehen. Sie waren in zunehmend überfüllten Wagons dem kritischen Blick der Öffentlichkeit und häufig sexistischen Annäherungen ausgesetzt. Die Arbeit verlangte die Kenntnis und Anwendung einer Reihe von Dienstregeln: Signal- und Sicherheitsvorschriften, Fundvorschriften etc. Zudem mangelte es an notwendigen betrieblichen Einrichtungen wie etwa Waschgelegenheiten. Die Arbeit einer Schaffnerin war aber auch körperlich anstrengend.
So sehen wir auf dem Bild eine Schaffnerin beim Bedienen einer Stellhebelweiche, einer relativ beschwerlichen Tätigkeit. Die Ansichtskarte, offensichtlich eine Montage einzelner, retuschierter Fotografien, erschien im Jahr 1916 im Rahmen einer größeren Serie unter dem Titel Wien im Kriege und dort in der Teilserie mit der Überschrift: Die Frau im Kriege. Sie zeigt Frauen in Berufen, die bis dahin Männern vorbehalten waren oder mehrheitlich von diesen ausgeübt wurden. Neben der Schaffnerin waren dies beispielsweise die „Briefausheberin“ und die „Briefträgerin“, die „Straßenkehrerin“ und die „Tramwayschienen-Reinigerin“. Frauen waren zwar auch in anderen, weniger sichtbaren Berufen während des Krieges erstmals tätig und ersetzten vielfach ihre männlichen Kollegen. Die Produzenten von Ansichtskarten bedienten sich jedoch offenbar des Staunens und des Aufsehens, welches das weibliche Geschlecht gerade in Straßenberufen beim Publikum auslöste. (Siehe auch die einschlägige Postkartenserie des Wiener Verlages A. F. nach Zeichnungen von Ladislaus Tuszyński in der Online-Sammlung des Wien Museums.)
Die Aufmerksamkeit, welche die Schaffnerin als uniformierte und mit Amtsgewalt ausgestattete Frau in der Öffentlichkeit erregte, ging über das Medium Ansichtskarte hinaus. Von Zeitungen bis zum Gemeinderat wurde über die grundsätzliche Berufseignung, das Verhalten oder das Aussehen dieser Straßenbahnerinnen diskutiert, aber auch über ihre Lohnungleichheit gegenüber ihren männlichen Kollegen. Dies könnte mit der besonderen Exponiertheit von Schaffnerinnen im öffentlichen Raum und ihrer ungewohnten Rolle als (häufig gefragte) Autoritätsperson zusammenhängen. Mit der Zeit wurde die Schaffnerin zu einer populären Figur und gleichsam zu einer Ikone des Kriegsalltags sowie der Gleichstellung der Geschlechter. Das Neue Wiener Tagblatt brachte im Jahr 1919 eine humoristische Glosse unter dem Titel Die elektrische Mitzi. Der volkstümlichen, resolut dargestellten Figur der Schaffnerin kam darin die Rolle zu, ohne Umschweife auszusprechen, was sie – und damit die einfachen Leute – dachten. Die Malerin Erika Abels d’Albert wiederum schuf damals das Ölbild Straßenbahnschaffnerin und setzte damit dieser Berufsgruppe gewissermaßen ein künstlerisches Denkmal.
Und das womöglich aus gutem Grund. Die Heimkehr der Männer aus dem Krieg beendete nämlich bald die Präsenz von Frauen in den Straßenbahnen. Es kam zur sukzessiven Entlassung des „weiblichen Aushilfspersonales“, wie es in den Verwaltungsberichten hieß. Freiwillig austretende Schaffnerinnen erhielten eine Abfertigung. Somit verschwand die Schaffnerin innerhalb weniger Jahre genauso schnell aus dem Wiener Straßenleben, wie sie gekommen war.
Sándor Békési, 14. Jänner 2026
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