.: Josef Eberle (Druck), Deutscher Schulverein (Karte Nr. 568), »Wien, Hoher Markt«, nach 1915, Kupfertiefdruck, ungelaufen, Sammlung Karl Zillinger, Wien

.: Josef Eberle (Druck), Deutscher Schulverein (Karte Nr. 568), »Wien, Hoher Markt«, nach 1915, Kupfertiefdruck, ungelaufen, Sammlung Karl Zillinger, Wien

Eine Wien-Ansicht im Zeichen propagandistischer Geldakquise

Mit etwas Abstand hält der namentlich nicht genannte Fotograf der vorliegenden Karte das Geschehen am Hohen Markt in der Wiener Innenstadt fest. Verschiedene Verkaufsstände säumen den Platz rund um den Vermählungsbrunnen, auf denen in Körben die mitgebrachten Waren feilgeboten werden. Zum Zeitpunkt der Aufnahme ist nicht viel Kundschaft zugegen, nur zwei Marktfrauen im Vordergrund sind ins Gespräch vertieft. Erst bei genauerer Betrachtung fällt in der Ecke links unten ein rundes Emblem auf, das sich als Wappenschild des Deutschen Schulvereins entpuppt. Nur mit Mühe lassen sich dessen Elemente im Schwarz-Weiß-Druck erkennen, die im farbigen Original eindeutig besser zur Geltung gekommen wären: ein grüner Eichenzweig vor einer aufgehenden Sonne, in den Farben der deutschen Flagge – Schwarz-Rot-Gold – gehalten. Auf der Adressseite ist der Deutsche Schulverein drei Mal namentlich genannt: zum ersten als Titel der Kartenserie, zum zweiten im Zuge eines Appells zum Vereinsbeitritt und zum dritten im Kennzeichnungsfeld zur Anbringung einer von ihm selbst herausgegebenen Wehrschatzmarke. Die Postkarte geht damit über eine von einem kommerziellen Hersteller produzierte Wien-Ansicht weit hinaus und steht unumwunden im Dienst einer propagandistischen Mission.

Der Deutsche Schulverein wurde 1880 in Wien mit dem Ziel gegründet, in allen cisleithanischen Kronländern der k. u. k. Monarchie, in denen die deutsche Sprache nicht mehrheitlich von der Bevölkerung gesprochen wurde, die Errichtung deutschsprachiger Schulen zu fördern. Der Verband wurde maßgeblich von Mitgliedern deutschnationaler Burschenschaften getragen, wiewohl ihm auch Repräsentanten anderer politischer Gesinnungen und jüdische Mäzene beitraten. Zur Erfüllung des Vereinszweckes musste er umfassende Geldmittel lukrieren. Er tat dies in Form von Mitgliedsbeiträgen, Spendensammlungen – oft im Zuge von eigenen Veranstaltungen –, dem Anwerben von Legaten, aber auch über den Verkauf von eigens produzierten Druckerzeugnissen, die von einer Vereinszeitschrift über Kalender, Telegrammzettel und Visitenkarten bis hin zu Bildpostkarten reichten.[1] Die Herausgabe von Schulvereinsmarken zum Preis von zwei und fünf Heller ist ab Februar 1907 dokumentiert.[2] Insbesondere in den 1910er Jahren tragen die vom Deutschen Schulverein herausgegebenen Postkarten einen Aufdruck für diese Marke, um die Absender:innen zum Spenden zu animieren.

Die hier vorgestellte Postkarte ist Teil einer umfangreichen Serie von Ansichten aus Wien und Umgebung, die von der Kunst- und Musikaliendruckerei Josef Eberle hergestellt wurde.[3] Sie ist nach 1915 entstanden, wie sich aus der Angabe der Adresse des in diesem Jahr bezogenen Schulvereinshauses in der Florianigasse 39 im achten Bezirk schließen lässt.[4] Es handelt sich bei diesen Wien-Ansichten um die einzigen fotografisch illustrierten Karten innerhalb der sonst in Farbe reproduzierten und mit gemalten Motiven versehenen Serie des Deutschen Schulvereins. Ausgewählt wurden bekannte Wiener Sehenswürdigkeiten, von den wichtigsten Kirchen angefangen über zahlreiche Denkmäler bis hin zu Gebäuden von allgemeinem Interesse wie Universitäten oder Theater. Es ist davon auszugehen, dass in den Motiven ein impliziter Bezugspunkt zu einem deutsch-völkischen Gedankengut vorhanden ist. So ist es sicher kein Zufall, dass die Reiterstatue von Kaiser Joseph II. am Josefsplatz abgebildet ist, war doch dieser Herrscher für seine Pläne bekannt, die deutsche Sprache zur Staatssprache zu erheben; oder dass gleich zwei verschiedene Denkmäler des Komponisten Ludwig van Beethoven, der gerne als Verkörperung des deutschen Genius instrumentalisiert wurde, in die Serie aufgenommen wurden. Karte Nr. 568 mit einer Ansicht des Hohen Marktes möchte offensichtlich den von Leopold I. anlässlich der erfolgreichen Rückkehr seines Sohnes Joseph I. aus dem Spanischen Erbfolgekrieg gestifteten Vermählungsbrunnen in den Fokus nehmen, rückt aber tatsächlich das Marktgeschehen stärker in den Vordergrund. Damit sind es die in Wien oft aus Böhmen und Mähren, aber auch dem südslawischen Raum kommenden Händler:innen und Markttreiber:innen, denen auf dieser Fotografie die Referenz erwiesen wird. Es gleicht einer bitteren Ironie, dass gerade diese Bevölkerungsgruppe, deren Kampf um Gleichberechtigung seit Jahrzehnten erfolglos geführt wurde, auf einer Propagandakarte für die Vorherrschaft deutscher Sprache und Bildung vereinnahmt wird.

Christina Natlacen, 29. Jänner 2026

 

[1] Vgl. Mikuláš Zvánovec, Der nationale Schulkampf in Böhmen. Schulvereine als Akteure der nationalen Differenzierung (1880–1918). Berlin/Boston 2021, S. 57–69.

[2] Vgl. Der getreue Eckart. Monatsschrift für die Gesamtinteressen deutscher Schutzarbeit, 5. Jg., H. 2, Februar 1907, S. 45.

[3] Der größte Bestand an Karten des Deutschen Schulvereins, den ich finden konnte, ist auf der kommerziellen Webseite „Reminiszenzen“ in der Rubrik „Vereine, Bünde“ dokumentiert; dort finden sich 37 Motive an fotografischen Wien-Ansichten. Aufgrund der lückenhaften Nummerierung ist davon auszugehen, dass diese Serie noch eine Reihe weiterer Karten umfasst (vgl. https://www.ansichtskarten-postcards.at/).

[4] Allerdings existierte bereits vorher eine Karte mit identischem Motiv, die noch die alte Vereinsadresse trägt und damit vor 1915 zu datieren ist; vgl. das Objekt mit der Inventarnummer 105275/73 aus der Sammlung des Wien Museum, https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/184442-wien-hoher-markt/.



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