Eine fast repräsentative Momentaufnahme
Was Wien-KennerInnen in dieser Fotografie vermutlich auf den ersten Blick auffällt, ist der Umstand, dass auf dem bekannten Wiener Straßenzug Graben im Stadtzentrum einst ein reger Straßenverkehr herrschte. Zu sehen sind mehrere Pferdefuhrwerke, ein Automobil, ein Autobus und ein Radfahrer. Heute befindet sich hier eine der prominentesten Fußgängerzonen der Stadt. Doch das ist nur eine von mehreren möglichen Betrachtungsebenen.
Wir wollen den Blick jedoch auf das lenken, was man im Bild nicht sieht: den schienengebundenen Verkehr in Gestalt von Straßenbahnen und Untergrundbahnen. Auf Letztere könnte etwa ein U-Bahn-Schild oder ein Treppenabgang zu einer unterirdisch gelegenen Station hinweisen. Im Unterschied zu vergleichbaren europäischen Großstädten am Beginn des 20. Jahrhunderts fehlten diese Verkehrsmittel nicht nur am Graben, sondern fast vollständig in der gesamten Wiener Innenstadt. Innerhalb der Ringstraße fuhr die Straßenbahn nur bis zum Neuen Markt. Zwar gab es bereits in der Planungsphase der Stadtbahn in den 1890er Jahren Entwürfe für eine unterirdische Querung der Innenstadt, diese wurden jedoch aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt finanziellen, nicht realisiert. Ebenso wenig wie die für eine zweite Bauphase vorgesehene »Innere Ringlinie« der Stadtbahn entlang der Lastenstraße (auch »Zweierlinie« genannt). Auch die ersten konkreten Pläne für ein zukünftiges U-Bahn-Netz, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg erstellt wurden, enthielten innerstädtische Verbindungen und sahen Stationen am Stephansplatz beziehungsweise am Graben vor. Dieses Vorhaben scheiterte wiederum aufgrund des Ersten Weltkriegs und seinen Folgen. Erst ab den 1970er Jahren wurde die U-Bahn in Wien errichtet. Heute queren zwei U-Bahn-Linien die Innenstadt.
Diese Lücke und den Mangel an schnellen und leistungsfähigen Massenverkehrsmitteln in der Wiener City konnte vor rund 110 Jahren ein anachronistisches Vehikel für sich nutzen: der Pferdeomnibus. Dieser beförderte die Fahrgäste zwar langsamer, aber dafür ohne Umsteigen zwischen den Bahnhöfen und dem Zentrum. Auf dem Bild ist er jedoch nicht zu sehen. An seine Stelle tritt ein Autobus im Vordergrund, der eine gewisse Pionierrolle in der Geschichte des Wiener Verkehrswesens einnimmt: Es handelte sich um einen elektrischen Batterie-Omnibus, der ab 1912 zwischen Volksoper und Stephansplatz verkehrte. Diese neue Art der sauberen und geräuschlosen Fahrt durch die Innenstadt sorgte für Aufsehen. Im Sommer 1915, also im zweiten Kriegsjahr, kam es allerdings zur Einstellung dieser »Kraftstellwagen« wegen Gummireifenmangels. Vorläufig musste wieder auf den Pferdebetrieb zurückgegriffen werden, bis nach dem Krieg sich die Benzinbusse durchsetzten …
Möglicherweise wollte der Verlag mit der Aufnahme, die vermutlich zwischen 1912 und 1915 entstand, die Betriebsamkeit und Verkehrsdichte eines zentralen Ortes der Stadt demonstrieren. Dabei wurde der elektrische Autobus als Attraktion optisch etwas überbetont, obwohl er nur von hinten abgelichtet ist. Insgesamt entstand so eine Ansichtskarte, die mehr oder weniger ungewollt die spezifischen Verkehrsverhältnisse dieser Zeit in Wien einfängt.
Sándor Békési, 3. Juli 2026
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