Anonym (sehr wahrscheinlich M. Kofler, Wien, zuordenbar, aufgrund von Ähnlichkeiten mit anderen Karten dieser Serie), »K. k. Hofburg / Wien« (Nr. 16), spätestens 1900, Lichtdruck, gelaufen am 7. Dezember 1900, Privatsammlung

Anonym (sehr wahrscheinlich M. Kofler, Wien, zuordenbar, aufgrund von Ähnlichkeiten mit anderen Karten dieser Serie), »K. k. Hofburg / Wien« (Nr. 16), spätestens 1900, Lichtdruck, gelaufen am 7. Dezember 1900, Privatsammlung

Eine wohlfeile Kartensendung im Kleinformat

Der Innere Burghof mit den Fassaden des mächtigen Reichskanzlei- und Amalientrakts ist auf der vorliegenden Ansicht von einer beachtlichen Menschenmenge bevölkert, die beinahe den gesamten Platz einnimmt. Besonders dicht drängen sich die Anwesenden in der linken vorderen Ecke zusammen. Der eigentliche Anlass der Zusammenkunft befindet sich bereits außerhalb des Bildes, nämlich das Aufspielen der Burgmusik zur Mittagszeit, die öffentliche Wachablöse begleitend. Die weit über hundert Schaulustigen, die sich zusammengefunden haben, erscheinen auf der Fotografie mehr als amorphe Masse denn als einzelne Individuen. Vor allem aber sind sie winzig klein. Gerade einmal 5 Millimeter beträgt ihre Größe im Vordergrund. Nur unter Zuhilfenahme einer Lupe lassen sich einzelne Details in der Kleidung der abgelichteten Personen erkennen, insgesamt kann man jedoch nicht viel mehr als eine Unterscheidung nach Geschlecht ausmachen. Das Schrumpfen der Personen erklärt sich zu einem guten Teil aus dem ungewöhnlichen Kartenformat: Es handelt sich nämlich um eine Miniatur-Ansichtskarte mit den Maßen 9,8 × 5,2 Zentimeter, die das Standardformat von 14 × 9 Zentimeter doch beachtlich unterschreitet. Die eigentliche Ansicht macht sogar nur 6,4 × 4,4 Zentimeter aus, womit sich das potenziell mögliche Bildfeld gegenüber den genormten Karten auf weniger als die Hälfte reduziert. Die Miniatur-Postkarten, wie sie damals vorrangig bezeichnet werden, finden spätestens im Jahr 1900 rege Verbreitung. In den Folgejahren kommen sie in immer neuen Formaten in Umlauf. Nach der Einführung der geteilten Adressseite werden sie sogar in einem extrem schmalen Hochformat produziert, das ihnen eine mögliche weitere Verwendungsweise als Lesezeichen einschreibt. Dafür eignen sich insbesondere Motive, die stark vertikal ausgerichtet sind. Aus heutiger Sicht erscheint es kurios, dass das Postkartenformat von Hersteller:innen verkleinert wurde, bekamen damit die Käufer:innen faktisch weniger für ihr Geld: Der Raum für schriftliche Mitteilungen reduzierte sich beträchtlich und auch das Bild büßte entscheidend an Größe ein. Auf der hier in Rede stehenden Karte bleibt der Weißraum für persönliche Notizen aber ohnehin ungenutzt: Nur das Datum und der Name des Absenders werden handschriftlich vermerkt, ferner trägt die Karte an der linken oberen Ecke eine Nummerierung. Der Poststempel auf der Adressseite bestätigt, dass die Karte noch am selben Tag, dem 7. Dezember 1900, aufgegeben wurde. Vor allem aber fällt eines auf: Die mit einer Briefmarke im Wert von 3 Heller freigemachte Postsendung ist als Drucksache und nicht als Korrespondenzkarte, für die ein Tarif von 5 Heller gültig ist, deklariert. Tatsächlich entspinnen sich mit dem Aufkommen der Miniatur-Postkarten bald rege Diskussionen um deren korrekte Frankierung. Im Mai 1900 erscheinen Notizen in verschiedenen Lokalzeitungen der Monarchie, die Informationen zur Behandlung der neuen Miniatur-Postkarten beinhalten.[1] Dort wird argumentiert, dass diese Karten aufgrund des Sonderformats nicht als Korrespondenzkarte, sondern als doppelt so teurer Brief (zu 10 Heller) klassifiziert werden müssen. In der Praxis scheint sich dies jedoch nicht durchgesetzt zu haben, tragen doch alle mir bekannten gelaufenen Miniatur-Postkarten eine 5-Heller-Marke. Weitere Zeitungsartikel sprechen ebenfalls für eine Gleichbehandlung der Miniatur-Postkarte mit der Korrespondenzkarte. Diese konnte nämlich tatsächlich zur Drucksache umfunktioniert werden, wenn sie handschriftlich als diese ausgewiesen wurde und nur den Namen des Absenders trägt.[2] Auf der Karte mit der Ansicht des Inneren Burghofs hat bereits der Produzent beziehungsweise die Produzentin die Karte als Drucksache ausgewiesen. Der Absender beziehungsweise die Absenderin hält sich strikt an das Gebot, keine persönlichen Grüße zu vermerken. Dies war im vorliegenden Fall wohl auch nicht nötig, da von der Funktion der Karte als Objekt einer fortlaufenden Sammlung ausgegangen werden muss – die vom Absender angebrachte Nummer in der linken oberen Ecke ist Zeugnis dafür. Infolgedessen ist diese Postkarte im Miniaturformat in erster Linie kein Medium der schriftlichen Kommunikation, sondern eine Rarität für eine Sammlung – und dafür wendet sich der vermeintliche Nachteil der beschränkten Maße sogar zum Vorteil.

Christina Natlacen, 20. Juli 2026

 

[1] So z. B. im Prager Abendblatt, 25. Mai 1900, S. 2.

[2] Hierbei entwickelt sich jedoch eine Kontroverse, ob fünf handschriftliche Grußworte erlaubt seien oder nicht. Während generell die Meinung herrscht, diese seien nicht zulässig, spricht sich die Arbeiter-Zeitung für deren Zulässigkeit aus (vgl. Arbeiter-Zeitung, 26. März 1900 (Mittagsblatt), S. 2.



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