Unbekannt: „Wien im Zeichen der "Electrischen" / Strassenbild am Eröffnungstage des Gesammtbetriebes / 29, Jänner 1902." (ungelaufen, Autotypie, Sammlung Wien Museum)

Unbekannt: „Wien im Zeichen der "Electrischen" / Strassenbild am Eröffnungstage des Gesammtbetriebes / 29, Jänner 1902." (ungelaufen, Autotypie, Sammlung Wien Museum)

Ereigniskarte, die keine war?

In frühen Phasen des Mediums Ansichtskarte gab es häufig auch Motive, die tagesaktuell auf Ereignisse verschiedenster Art Bezug nahmen. Ein solches stellt das vorliegende Exemplar eines unbekannten Herstellers dar. Wie wir es aus der Überschrift der Karte erfahren, erschien diese anlässlich vom „Eröffnungstag des Gesammtbetriebes“ der so genannten Elektrischen in Wien am 29. Jänner 1902. Gemeint war die elektrische Straßenbahn beziehungsweise seine flächendeckende Einführung in der Stadt. Illustriert wird dies mit einer fotografischen Aufnahme vom Verkehrsknotenpunkt Schottentor mit der Votivkirche. Den Vordergrund füllen zahlreiche moderne elektrische Tramwaywagen (wobei jener rechts unten zwecks Verstärkung des optischen Effekts und der Wagendichte gar ins Bild montiert sein dürfte). Produziert wurde die Karte im damals schnellen und kostengünstigen Rasterdruckverfahren.

Zeitungsberichten zufolge verkehrte am Tag davor „das letzte Tramwaypferd“ (Illustriertes Wiener Extrablatt, 29.1.1902) in Wien, was auch Wehmut aufkommen ließ. So erschienen anlässlich der Einstellung des Pferdebetriebs Ansichtskarten, die den letzten feierlich geschmückten Pferdebahnwaggon in seiner Remise festhielten und das nostalgische Interesse des Publikums bedienten. Im Gegensatz dazu zelebrierte die vorliegende, zeitgleich gedruckte Ansichtskarte fortschritts- und zukunftsorientiert einen Wendepunkt hin zur modernen großstädtischen Infrastruktur – festgelegt auf einen einzigen Tag. Sie lässt uns damit glauben, dass sich die Situation der öffentlichen Verkehrsmittel in Wien mit diesem Eröffnungstag schlagartig verändert hätte.

Doch so einfach war die Sache nicht, denn Wien stand schon seit Jahren „im Zeichen der Electrischen“. 1897 begann die Elektrifizierung der Straßenbahnen und gestaltete sich als ein langewährender Prozess. Ende Jänner 1902 war zwar die Elektrifizierung des überwiegenden Teils der Straßenbahnen in Wien vollendet: Konkret betraf das jene Strecken der ehemaligen privaten Wiener Tramwaygesellschaft, welche zwischenzeitlich von den „Städtischen Straßenbahnen“ bzw. von bevollmächtigten Unternehmen betreut worden waren. Allerdings fuhren die Wagen der immer noch privaten Neuen Wiener Tramwaygesellschaft (NTW), die vor allem die Vororte und die Gürtelstraße bediente, teilweise weiter mit animalischer Kraft. Auf einigen Strecken in den Außenbezirken war außerdem die Dampftramway unterwegs. Rund ein Zehntel des Straßenbahnbetriebes in Wien wurde zu diesem Zeitpunkt nicht elektrisch abgewickelt. Nicht zu vergessen die Pferdeomnibusse, die um die Jahrhundertwende noch einen erheblichen Teil der Personenbeförderung auf Wiens Straßen abwickelten – einer von ihnen ist übrigens im Bild zu sehen. Also von einem elektrischen „Gesamtbetrieb“ konnte im Wiener Verkehrswesen noch nicht die Rede sein.

Zeitgleich mit der technischen Modernisierung fand ein Übergang von privaten Betreibern bis zur kompletten Kommunalisierung der Straßenbahnen statt – ein ebenso langwieriger, komplexer Vorgang. Die Stadt Wien selbst sprach erst ein Jahr nach Erscheinen dieser Postkarte, am 1. Juli 1903, offiziell von der Übernahme der städtischen Straßenbahnen in die eigene Verwaltung der Gemeinde und von der beginnenden Ära des selbständigen kommunalen Betriebes. Nur wenige Tage zuvor, am 26. Juni 1903, sollen auch auf den früheren Strecken der NTW die letzten pferdegezogenen Wagen gefahren sein. (Ironischerweise verlief eine dieser Linien vom Schottenring aus, also nahe der hier abgebildeten Szene.) So beging man erneut feierlich das „Ende des Tramwaypferdes“ in Wien. Nicht auszuschließen, dass aus diesem Anlass des wiederholten Abschieds vom Pferdebetrieb ebenfalls Ansichtskarten auf den Markt kamen.

Die vorliegende Karte hingegen nahm bereits im Jänner 1902 ein infrastrukturelles ‚Ereignis‘ zum Anlass und verwertete einen ‚Etappensieg‘ auf dem Weg zur Elektrifizierung (und womöglich auch Kommunalisierung) der Straßenbahnen in Wien als Motiv. In diesem Fall musste die abgedruckte Fotografie des Verkehrsgeschehens gar nicht tagesaktuell angefertigt und konnte bereits Wochen vorher entstanden sein. Immerhin illustriert die vorliegende Karte ein Potenzial dieses Mediums, das damals offensichtlich gefragt war: Man konnte mit ihr auf Neuerungen und Neuigkeiten, wenn auch mit einer gewissen medienspezifischen Tendenz zur Vereinfachung und Überhöhung, relativ zeitnah reagieren. Zuweilen geschah dies in einer Art und Weise, die heute nur noch aufwändig kontextualisiert und in ihrer ursprünglichen Bedeutung gelesen werden kann – und so manche Frage bleibt immer noch offen.

Sándor Békési

 

 



Permalink: https://postkarten.bonartes.org/index.php/herausgegriffen-detail/Ereigniskarte-die-keine-war.html

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