Carl Ledermann jun., Wien (Verlag), »Gruß von der schönen blauen Donau«, um 1898, Lichtdruck, ungelaufen, Slg. Wien Museum

Carl Ledermann jun., Wien (Verlag), »Gruß von der schönen blauen Donau«, um 1898, Lichtdruck, ungelaufen, Slg. Wien Museum

Grüße vom anderen Ufer der Donau

Der Blick vom linken Donauufer auf den Leopoldsberg und den Kahlenberg zählt zu den beliebtesten Postkartenmotiven Wiens von der Jahrhundertwende bis in die Zwischenkriegszeit. Einer der Gründe dafür war, dass die Donaufront der Stadt an anderen Stellen lange kaum markante Motive bot. Häufig ist auf diesen Karten eine Person am Ufer sitzend zu sehen, manchmal sind auch vorbeifahrende Schiffe ins Bild montiert. Was vermutlich nur wenigen zeitgenössischen Betrachter:innen bewusst war (und heute wohl noch weniger), ist die Tatsache, dass es sich hierbei nicht um ein »normales« Donauufer handelte – man befand sich vielmehr am Rande eines weitläufigen Wiener »Niemandslandes«, nämlich des sogenannten Inundations- oder Überschwemmungsgebiets.

Dieses Areal entstand im Zuge der ersten großen Donauregulierung in Wien in den Jahren von 1870 bis 1875 als Teil des sogenannten Donau-Durchstichs. Dieser bestand aus dem Hauptstrom und einem parallel verlaufenden, rund 20 Kilometer langen und 475 Meter breiten Inundationsgebiet. Dieses musste von jeglicher Bebauung freigehalten werden und war jährlichen Überschwemmungen ausgesetzt. Während Stadtplaner in diesem Gebiet bald eine massive Barriere für die Stadtentwicklung sahen und es gerne »Ödland« oder »Wüstenei« nannten, entdeckten immer mehr Wiener:innen es im Lauf der Zeit als Freizeitareal. Im Norden wurde es »Donauwiese« und im Süden »Wilde Lobau« genannt (nicht zu verwechseln mit der Lobau jenseits des Hochwasserschutzdammes). Es lud zum freien (Nackt-)Baden, Picknicken oder Fußballspielen ein. Es gab hier aber zeitweise auch eigene Badeanstalten und hochwasserresistente Wirtshäuser. Das Überschwemmungsgebiet diente zudem als Veranstaltungsort und als abseits gelegener Treffpunkt für heimliche politische Zusammenkünfte. Nachts wiederum galt es auch als erotischer oder krimineller Ort. Alles in allem war sein Ruf eher zweifelhaft. In unserem Zusammenhang ist speziell von Interesse: Es fungierte vor allem als frei zugängliches Naherholungsgebiet für Menschen mit wenig Geld. Das Ende – oder besser gesagt: die Transformation – des Überschwemmungsgebiets kam in den 1970er-Jahren, als die Bauarbeiten für die Donauinsel und die Neue Donau starteten.

Die hier abgebildete Grußkarte vom Ufer der Donau ist insofern bemerkenswert, als sie die zuvor beschriebene Wiener Peripherie durch die Staffage und dekorative Elemente in einem besonders verklärenden Licht darstellt. Im Stil der damals verbreiteten Mondscheinkarten eingefärbt (die einen Eindruck von »Nacht« qua Druckverfahren vermittelten), korrespondierte die blaue Farbe mit dem »Blau« der Donau, was zusätzlich in der Überschrift hervorgehoben wird. Ähnlich wie bei romantischen Landschaftsveduten wird das Motiv von hineinmontierten Bäumen gerahmt. Ebenfalls das Ergebnis einer Fotomontage sind die Figuren im Vordergrund: Wir sehen ein Kind, das auf einem Weg sitzt, einen am Ufer liegenden jungen Mann in Straßenkleidung sowie eine bürgerlich gekleidete Dame, die einen Spaziergang zu unternehmen scheint. Letztere suggeriert, dass wir uns hier beinahe auf einer vornehmen Donaupromenade befinden. Dieser Eindruck wird jedoch sogleich durch den ungepflegten und halb zugewachsenen »Treppelweg« – oder in diesem Fall passender: Trampelpfad – konterkariert. Das vom Überschwemmungsgebiet vermittelte Bild musste in diesem Fall also trotz Idealisierungsversuchen letztlich widersprüchlich bleiben. Solche Darstellungen entstanden vermutlich nicht zufällig in jener Übergangsphase der Ansichtskartenproduktion, als man noch gern zahlreiche formale Anleihen bei klassischen grafischen Ansichten nahm. Hinzu kam wohl das Bemühen, den Mythos von der »schönen blauen Donau bei Wien« einmal mehr zu bedienen …

Sándor Békési, 1. April 2026

 

Das Wien Museum zeigt vom 26. März bis 30. August 2026 die Ausstellung Die Donauinsel. 21 Kilometer Freiraum: https://www.wienmuseum.at/donauinsel_2026



Permalink: https://postkarten.bonartes.org/index.php/herausgegriffen-detail/Gruesse-vom-anderen-Ufer-der-Donau.html

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