Kölner Dom, Westfassade
Eine Postkarte mit der Westfassade des Kölner Doms ist eines der Motive, die wirklich jeder kennt. Hermann Jansen, ein Kölner Fotograf, schuf diese Fotografie um 1920, es wurde zuerst im eigenen Verlag als Postkarte herausgegeben. Später dann druckten es andere Postkartenverleger und auch in vielen Publikationen der Stadt wurde diese Version der Westfassade des Kölner Doms veröffentlicht. Also ein sehr erfolgreiches Bild.
Der Bau des gotischen Kölner Doms begann 1248, hatte ab 1520 eine Pause und wurde ab 1842 fortgeführt. Als die Kathedrale 1880 schließlich vollendet war, war sie mit den beiden über 157 Meter hohen Türmen das höchste Bauwerk der Welt. Diese Einzigartigkeit entsprang keiner aktuellen Ingenieurs-Idee, man hielt sich nur an den mittelalterlichen Fassadenplan, der bereits 600 Jahre zuvor, um 1280/90, entstanden war. Der Tourismus im Rheinland besaß nun ein absolutes Highlight. Albuminfotografien zeigen ab den 1850er-Jahren den Dombau bis zur Vollendung, diese konnten vor Ort erworben werden. Ab 1890 gab es auch Postkarten vom Bauwerk. Erst handelte es sich um Lithografien, Lichtdrucke oder andere Druckverfahren, die sich meistens auf eine fotografische Vorlage bezogen. Dann kamen echte Fotografien hinzu. Die Postkarte funktionierte als Werbemaßnahme und als willkommener Souvenirartikel. Das Sammeln und aber auch das Verschicken der erworbenen Bildansicht machten so immer wieder und überall auf den Dom aufmerksam.
Zwei Szenen haben in diesen ersten Jahren der Postkarte das Bild des Doms geprägt. Die Ansicht von Süden im Querformat zeigt die Kathedrale als langgestrecktes Bauwerk mit dem Chor im Vordergrund. Das andere Erfolgsmotiv ist der Blick aus erhöhter Position auf die Westfassade im Hochformat. Das reale Erleben dieser Ansicht ist den Besucher:innen der Stadt verwehrt. Denn dieses Bild wurde aus einem Fenster in zirka 40 Meter Höhe im Turm der nahe gelegenen Kirche St. Andreas, zirka 200 Meter von der vordersten Ecke des Nordturmes entfernt, aufgenommen. Dieser einmalige Ort bot die Möglichkeit, die Fassade ohne Begrenzungen abzulichten. Von hier aus rückt die besondere gotische Eleganz der Prachtseite perfekt ins Bild. Dieser Ort wurde seit dem Beginn der Turmbauarbeiten und bis heute wiederholt von verschiedenen Fotografen für Aufnahmen genutzt. Der Vorplatz des Doms und die Umgebung wurden nach und nach architektonisch umgebaut und angepasst, um 1920 fand die räumliche Aufwertung ihr Ende.
Jetzt steigt Hermann Jansen in den Turm von St. Andreas und macht zur Nachmittagszeit eine lebendige und packende Aufnahme. Vor dem Eingang tummeln sich Fußgänger, Straßenbahnen, Taxis, andere Autos und auch Lastkarren. Im Hintergrund sieht man links die Türme der Hohenzollernbrücke, rechts die Hängebrücke und den Turm von Groß St. Martin. Das dunkle Steingebirge des Doms erscheint jetzt schlank und räumlich verdichtet, das Sonnenlicht strukturiert die Architektur und macht sie lebendig. Alles passt. Man ist nah dran und schaut weit bis auf die andere Rheinseite. Man vertraut dem Blick – natürlich, Fotografie bildet die Realität ab. Der Betrachter des Lichtbilds kann den Standort des Fotografen im Turm von St. Andreas nicht besuchen, daher kauft er das Bild und genießt den einmaligen Blick. Das ist die Qualität dieser fotografischen Postkarte, das überwältigende Gebäude ist in handlicher und erklärender Darstellung zu verstehen. Ein Beweis der sinngebenden Nutzung von Fotografie.
Hermann Jansens Foto wird zum Bestseller, in Prospekten, auf Postkarten und in vielen Büchern der Stadt bekommt sein Bild einen besonderen Platz. In der Folge wird das Bild durch Retuschen auch inhaltlich modifiziert: Mal verschwinden die Passanten, mal die Straßenbahn und mal die Automobile, später wird es auch farbig. Aus einer urban lebendigen Aufnahme wird nach und nach ein Kunstbild ohne direkten Zeitbezug. Das scheint falsch, es hilft allerdings den Postkartenhändlern, und so wird die Aufnahme auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er-Jahre hinein immer wieder neu aufgelegt und erfolgreich verkauft.
Doch irgendetwas scheint zu irritieren: Man schaut und schaut, und irgendwann beginnt man sich zu fragen, denn warum das helle Gebäude links vorne so präsent und klar ist. Das kann so doch gar nicht mit einer einzigen Aufnahme gemeinsam mit dem Dom festgehalten worden sein. Man beginnt zu forschen und kann erkennen, die perspektivische Verkürzung fällt hier und dort anders aus. Das Haus links vorne ist ins Bild hineingeschmuggelt worden. Aber niemand hat das in den 1920er-Jahren festgestellt, bemängelt oder kritisiert. Nein, ganz im Gegenteil, die Montage ist so gut gelungen, das Bild wurde oft und gerne genutzt und hat dem Dom und seinem weltbekannten Image nur geholfen. Besser kann man den Dom und seine Umgebung nicht zeigen. Hermann Jansen hat die Karriere dieser Ansicht des Kölner Doms von Westen maßgeblich begleitet.
Wolfgang Vollmer, 25. August 2025
Ausführlich dazu Wolfgang Vollmer, Karriere einer Ansicht. Kölner Dom Westseite, Köln: Hyper Focus Books, 2020 (zu beziehen unter https://www.wolfgangvollmer.de/archive/archives/karierre.php).
Permalink: https://postkarten.bonartes.org/index.php/herausgegriffen-detail/Koelner-Dom-Westfassade.html