Offen und doch geschlossen – Das paradoxe Wesen einer Postkarte
Was genau es war, das mich an vorliegender Postkarte fasziniert, lässt sich schwer in Worte fassen. Vielleicht liegt es insbesondere an der stolzen Lady Leek, deren damenhaftes Wesen Henry Rox bereits beim Kauf am Markt erkannte.
Rox – ursprünglich Heinrich Rosenberg – absolvierte das Studium der Bildhauerei in Paris und konnte sich anschließend Teil der Berliner »Geniegesellschaft« der Zwischenkriegszeit nennen. 1933 zwang ihn die Machtübernahme der Nationalsozialisten zur Emigration nach London. Dortige prekäre Lebensumstände führten ihn zur Arbeit mit Materialien, die – im doppelten Sinne – günstig zu erwerben waren. Ausgerechnet diese Materialien sollten seinen unverwechselbaren Wiedererkennungswert im weiteren Verlauf seiner Karriere begründen. Für zwei Kinderbücher entstanden so auch erste fotografische Arbeiten seiner Obst- und Gemüsefiguren, ab jetzt unter neuem Namen. Im Jahr 1938 folgte die Übersiedlung in die USA, wo Rox seine Formensprache an der Schnittstelle von Fotografie, Skulptur und Modeästhetik weiter fortsetzte. Seine anthropomorphen, filigranen Skulpturen erschienen in internationalen Magazinen wie LIFE, Harper’s Bazaar oder Vogue und führten 1940 zur Mitarbeit am Hollywood-Musikfilm Strike Up the Band. Parallel dazu war Rox über Jahrzehnte als Lehrer und Professor tätig. In den 1950er-Jahren fanden seine Figuren schließlich durch farbige Postkarten weite Verbreitung.
Zum Ausdruck der Bildseite: Ein Lauch als Mensch? In Rox’ Fotografie posiert Lady Leek mit einem Mikrofon aus Hagebutte. »Sie singt die Arie aus der wilden [?] – Lieschen bestimmt ist sie aus Baiersbronn?!«, notierten die Absender·innen aus Schwäbisch Gmünd auf der Bildseite der Postkarte, die im Jahr 1959 an »Tante und Lieschen« in Berlin adressiert wurde. Die Worte legen eine enge Verbindung zwischen den Korrespondierenden nahe und scheinen Resultat einer gemeinsamen Geschichte zu sein, welche die Beziehung der Vergangenheit im Hier und Jetzt zu aktualisieren versucht. Gleichzeitig werden auch wir als Lesende unweigerlich Teil dieses Beziehungsgeflechts – ganz ohne Vorkenntnisse.
Lassen wir Bildkommentar und Bild weiter auf uns wirken, werden wir erneut überrascht: Ein Mikrofon für eine Arie? Technische Stimmverstärkung assoziieren wir eher mit Jazzsängerinnen oder spannenden, unkonventionellen Abenden der wilden 1920er – nicht aber mit Oper und Hochkultur im Allgemeinen. Durch diese bewusste Überzeichnung gelingt den Absender·innen der Bruch mit gängigen Mustern: Text und Bild schieben dabei die Bilderzählung noch weiter ins Unkonventionelle und entziehen sich so einer eindeutigen Lesart. Stattdessen öffnen sie auf charmante Weise einen Raum für Imagination oder Erinnerung und münden quasi in eine autonome Einheit. Und wir? Wir lesen nicht bloß passiv mit, sondern nehmen aktiv am kommunikativen Prozess teil.
Zur Adressseite im Beziehungsgeflecht: Insider wie »Hast den Widder erhalten?« oder eingeschobene Randnotizen wie »Gefällt euch die Sängerin?« und nicht zuletzt persönlich-neckische Zuschreibungen wie »habgierig ist sie immer« fungieren als Zeichen einer geteilten Erfahrung. Offenbar genügen kleinste Fragmente, um den gemeinsamen Kontext der Adressat·innen zu reaktivieren. Das Bild der Sängerin dient dabei als »Opener«.
Die Sprunghaftigkeit innerhalb der Erzählweise scheint einer eigenen Logik zu folgen, welche nur zwischen den Korrespondierenden wirklich sinnhaft sein wird. Die Postkarte fungiert somit weniger als reines Informationsmedium, sondern mehr als Kommunikat, das Beziehung aktiv (mit)gestaltet. Beziehung wird dadurch nicht als abgeschlossen verstanden – viel eher wirkt sie wie ein dynamisches Geflecht, das auf kleinsten Zeichen aufbaut, um daraus weiter zu wachsen.
Das, was am Ende haften bleibt, erinnert an ein paradoxes Wesen der Postkarte. Als Medium sucht sie das Öffentliche, zeigt sich dabei allerdings geschlossen – und damit privat. Zentral wirkt hier das Spiel mit der Ungewissheit beziehungsweise Unwissenheit: Worte, die universell gültig erscheinen, entpuppen sich als Hüllen oder Irrlichter für all jene außerhalb des Bezugssystems. Es wird zudem deutlich, dass Zeichen und Bedeutungen nie universell, sondern stets kontextabhängig sind. Wo dieser Kontext fehlt, wird jede Lesart zwangsläufig projektiv.
Marion Ludwig, 28. Jänner 2026
Literaturhinweis
Wolfgang Vollmer, Henry Rox Revue. Fotografie/Photography 1935–1955, Salzburg 3., erw. Aufl. 2025.
Wolfgang Vollmer, Biografie. Henry Rox Fotografie, Skulpturen, Orte, o. O. 2024 (Privatdr.).
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