Franz Göttfried, Porträt von drei Knechten in St. Lambrecht (v. l. Julius Spreitzer, Raimund und Adolf Bogensberger), späte 1920er/frühe 1930er Jahre, Silbergelatinepapier, ungelaufen, Fotohof Archiv, Salzburg

Franz Göttfried, Porträt von drei Knechten in St. Lambrecht (v. l. Julius Spreitzer, Raimund und Adolf Bogensberger), späte 1920er/frühe 1930er Jahre, Silbergelatinepapier, ungelaufen, Fotohof Archiv, Salzburg

Porträts einer Dorfgemeinschaft auf Postkartenpapier

In den 1920er Jahren fanden Echtfotopostkarten – auch unter der Bezeichnung Real Photo Postcards (RPPC) bekannt – nicht nur im kommerziellen Bereich wie etwa bei Wanderfotograf:innen weite Verbreitung, sondern auch in Amateurkreisen. Bereits vor 1900 entwickelten Firmen Papiere im Postkartenformat, deren Bildseite eine lichtempfindliche Schicht aufweist. So wurde eine kostengünstige Lösung für die Verwendung einer Fotografie ohne Druckverfahren gefunden, indem man gleichzeitig das im Postwesen verbotene Aufkleben eines Bildes auf eine Trägerkarte umging. Unter Amateur:innen waren die Postkartenpapiere wegen ihres handlichen Formats und ihrer Funktion, die eigenen Fotografien an ausgewählte Empfänger:innen versenden zu können, überaus beliebt.

Der aus dem steirischen St. Lambrecht stammende Franz Göttfried (1903–1980) stellt ein seltenes Beispiel eines im bäuerlichen Milieu tätigen Amateurfotografen dar, der das Porträt zu seinem bevorzugten Genre erklärte. Er fotografierte von den 1920ern bis in die 1940er Jahre regelmäßig Personen aus seinem nahen lokalen Umfeld sowie den angrenzenden Dörfern. Unter freiem Himmel posierten Bauern und Bäuerinnen, Mägde und Knechte, Kinder sowie andere Mitglieder aus der Dorfgemeinschaft vor seiner Linse. Abseits der Städte hatte sich die Fotografie noch nicht als geläufiges Bildmedium etabliert; gerade in der Bauernschaft herrschte bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein sehr distanziertes Verhältnis zu ihr vor. Göttfried gelang es, die Vorbehalte gegenüber diesem von der Landbevölkerung gerne als unnütz angesehenen Hobby abzubauen. Er stellte ein Setting der Vertrautheit und Nähe zu seinen Modellen her, das auch dadurch bestimmt war, dass er sie vorzugsweise in ihrer angestammten Umgebung ablichtete.

Neben mehr als 500 fotografischen Glasplatten von Franz Göttfried, die sich als Restbestand seines Werks am Dachboden seines Bauernhofes erhalten haben, konnten in aufwändiger Recherche auch einzelne fotografische Abzüge ausfindig gemacht werden. Die Negative im Format 9 × 12 Zentimeter wurden ausnahmslos auf Postkartenpapier in Originalgröße entwickelt, wodurch sich auf der Längsseite ein etwas breiterer weißer Rand ergibt. Auf der vorliegenden Karte sind drei Männer in Trachtenanzügen abgebildet. Vor der Veranda eines für die Region typischen Hofes wurde mit einem Sessel ein improvisiertes Aufnahmesetting arrangiert, bei dem es offensichtlich nicht störte, dass der Hintergrund einen hohen Grad an Realitätsverweisen, wie er in der professionellen Fotografie unerwünscht war, in sich birgt. Statt in einem Atelier mit einer künstlichen Kulissenlandschaft posierte man hier mit den Füßen im Schnee an einem Ort, der Spuren des Arbeitsalltags in sich birgt. Der Abzug befand sich, so wie die anderen gefundenen auch, im Besitz der Nachfahr:innen der Abgebildeten. Daraus lässt sich schließen, dass es sich der Fotograf zur Gewohnheit gemacht hat, seinen Modellen einen Abzug zukommen zu lassen.

Die Adressseite weist Informationen in drei unterschiedlichen Handschriften auf. Sie identifizieren die umseitigen Personen und geben sogar Aufschluss über deren Tätigkeit als Knechte an einem namentlich genannten Hof. Zudem stellen sie einen Hinweis darauf dar, dass mehrere Angehörige – möglicherweise aus unterschiedlichen Generationen – ihr Wissen zu den Dargestellten bewahrt wissen wollten. Jener auf dem Fotopapier vorhandene Aufdruck von Linien, der das Bildobjekt zur Postkarte umfunktioniert, wird dabei überschrieben und verliert so seine Funktion. Auch wenn Göttfried Postkartenpapiere für seine Abzüge verwendete, so zeugen die Fotografien doch in den Händen der Abgebildeten von einer ganz anderen Gebrauchsweise. War von Seiten des Amateurfotografen möglicherweise neben dem geringen Preis seine zusätzliche Eigenschaft als Poststück mit ein Grund für die Wahl dieses Fotopapiers, so hatte diese Verwendung für die Bildbesitzer:innen keine Bedeutung. Sie bewahrten die Postkarte als familiäres Erinnerungsbild auf, das man nicht jemand anderem überlassen wollte.

Christina Natlacen, 29. Juli 2025

 

Informationen zum Werk Franz Göttfrieds siehe Kurt Kaindl (Hg.), Von oben im Tal. Simon Baptist und Archiv Franz Göttfried, Salzburg 2025.



Permalink: https://postkarten.bonartes.org/index.php/herausgegriffen-detail/Portraets-einer-Dorfgemeinschaft-auf-Postkartenpapier.html

Zurück