Von der Dunkelkammer in den Postkasten – als die Fotografie „laufen“ lernte
Die Geschichte der Fotopostkarte ist eng verknüpft mit den Entwicklungen der Fototechnik – und zugleich ein exemplarisches Beispiel über die Herausforderungen massenmedialer Bildproduktion. Während Fotografien von Anfang an als Vorlage für druckgrafische Reproduktionen wie der Chromolithografie oder als Grundlage für Lichtdruck oder Autotypie dienten, blieben sie als eigenständige Herstellungsmethode „echter“ Fotopostkarten lange ein Nischenphänomen.
Bereits die in den 1860er-Jahren beliebte Carte de visite hatte eine wahre Sammelwelle ausgelöst. Was im kleinen Maßstab bei Visitenkarten funktionierte, erwies sich für Ansichtskarten jedoch zunächst als unpraktikabel. Die im Auskopierverfahren hergestellten Fotopapiere waren zu dünn, um als selbstständige Karten zu dienen, und mussten zur Stabilisierung auf Karton aufgezogen werden. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts fanden Kollodiumfotos in Kartonstärke eine gewisse Verbreitung als illustrierte Postkarten, obwohl sie bereits früher auf dem Markt eingeführt worden waren. Doch auch ihre Möglichkeiten waren begrenzt: Bei Auflagen von mehr als einigen Hundert Exemplaren erwies sich die Herstellung als zu zeitraubend und zu kostspielig.
Die Anfänge der Fotopostkarte ähneln jenen der Carte de visite: Verkleinerte Originalfotografien wurden manuell auf Korrespondenzkarten aufgebracht, meist in Form von Albumin- oder Kollodiumabzügen. Dieses Verfahren war technisch aufwendig und erlaubte nur sehr kleine Auflagen. Erschwerend kam hinzu, dass das Aufkleben von Fotografien zeitweise – zumindest in Deutschland – verboten war;[1] erst 1902 wurde dieses Verbot wieder aufgehoben. Parallel dazu entwickelte sich somit die Technik der Postkarte mit Fotoemulsion für die direkte Belichtung, die jedoch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts allmählich Verbreitung fand.
Ein anschauliches Beispiel aus der frühen Phase der echten Fotopostkarte ist die hier gezeigte Karte mit einer aufgeklebten Fotografie von Venedig in Wien, die anlässlich der Eröffnung dieses ersten dauerhaften Themenparks 1895 im Wiener Verlag des renommierten Fotografen Fritz Luckhardt erschien. Das hier abgebildete Exemplar zeigt eine italienische Musikergruppe und wurde am 30. Juli 1895 postalisch verwendet. Die Fotografie, ein Kollodiumpapierabzug, ist in ein freies Bildfeld eingefügt, das von dekorativen, lithografierten Ornamenten umrahmt wird. Die Aufdrucke variieren von Motiv zu Motiv; es handelt sich um eine äußerst seltene, weitgehend unbekannte Ausgabenfolge. Bisher sind mir lediglich vier unterschiedliche Motive bekannt. Das bekannteste Sujet zeigt einen Kanal im venezianischen Stil mit Brücke und stammt aus dem fotografischen Leporelloalbum Erinnerung an Venedig in Wien von Fritz Luckhardt. Bemerkenswert ist zudem, dass die Karten einen Präge- oder Farbstempel von Fritz Luckhardt tragen. Dieser war jedoch kurz vor der Eröffnung von „Venedig in Wien“ verstorben, woraufhin seine Frau Franziska das Atelier weiterführte. Zwar ist nicht auszuschließen, dass einzelne Aufnahmen noch von ihm selbst vor der Eröffnung angefertigt wurden; die Vielzahl der dargestellten Personen spricht jedoch eher dagegen.
Mit der Etablierung der Silbergelatine-Entwicklungspapiere und dem allmählichen Verschwinden der Auskopierpapiere um 1900 änderte sich die Situation der Fotopostkarte grundlegend. Das nun unsichtbare, latente Bild konnte nach kurzer Belichtung durch chemische Entwicklung sichtbar gemacht werden – schnell, kontrollierbar und reproduzierbar. Ein entscheidender Vorteil von Bromsilbergelatine-Postkarten bestand auch darin, rasch auf aktuelle Ereignisse reagieren zu können und innerhalb kürzester Zeit Ansichtskarten bereitzustellen. Ein logistisches Versprechen, das nur durch rationelle Abläufe und den gezielten Einsatz von Ausarbeitungsmaschinen realisierbar war. Obwohl die maschinelle Herstellung von Silbergelatine-Schwarzweiß-Postkarten bereits gegen Ende der 1890er-Jahre Verbreitung fand, erreichte sie erst um 1910 ihre erste Blütezeit in der Ansichtskartenproduktion. Ausschlaggebend dafür war die zunehmende Verbreitung von Schnellkopiermaschinen, die Fotopapiere auch in Rollen verarbeiten konnten. In den 1920er-Jahren gewann die Produktion von Schwarzweiß-Fotokarten dann deutlich an Dynamik und erlebte in den 1940er-Jahren ihren Höhepunkt. Bis weit in die 1950er-Jahre wurden Schwarzweiß-Fotoansichtskarten vertrieben, als sie in den 1960ern von den farbenfrohen Karten im Offsetdruckverfahren abgelöst wurden.
Trotz technischer Fortschritte blieb das fotografische Postkartenverfahren kostspielig. Für hohe Auflagen war es nicht rentabel. Der Kupfertiefdruck beispielsweise erwies sich als deutlich günstiger, insbesondere ab 5000 Exemplaren: Er war bis zu zwei Drittel preiswerter bei gleichen Stückzahlen. Dennoch hielt sich die fotografisch belichtete Postkarte als Nischenprodukt: Für kleine Auflagen zwischen 500 und 3000 Stück blieb sie konkurrenzfähig und qualitativ überlegen. Um mit farbigen Druckerzeugnissen zu konkurrieren, wurden Schwarzweiß-Fotopostkarten oft zusätzlich handkoloriert. Trotz der zunehmenden Verbreitung von Bromsilbergelatine-Fotopostkarten wurden von etwa 1900 bis zum Ersten Weltkrieg nach wie vor Postkarten mit applizierten Fotografien produziert. Besonders populär waren dabei sogenannte „Kitschkarten“ im Jugendstil, die häufig mit aufgeklebten Porträts, vornehmlich von Frauen und Kindern, verziert waren. Derartige Karten, die von Sammler:innen als Fotocollagen klassifiziert werden, stammen überwiegend aus französischer Produktion.
Neben Fritz Luckhardt ist in Österreich besonders der Fotograf Fritz Gratl aus Innsbruck zu erwähnen, der seine Ansichtskartenproduktion ebenfalls um zirka 1895 mit auf Korrespondenzkarten aufgeklebten Fotografien von Tiroler Landschaften und Sehenswürdigkeiten begann.
Andreas Gruber, 24. September 2025
[1] Lechner’s Mittheilungen auf dem Gebiete der Photographie, 5. Jg. (1900), S. 118.
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