Juni 2015

JKO-Verlag, Prag: „Witkowitz. Eisenwerke“, Fotogravüre, gelaufen am 18. August 1930 nach Wien, Privatsammlung.

JKO-Verlag, Prag: „Witkowitz. Eisenwerke“, Fotogravüre, gelaufen am 18. August 1930 nach Wien, Privatsammlung.

Auf des Kaisers Bahn zu Großvater-Ehren

„Bin soeben nach Besuch Groß Vater [geworden]!“ Das ist die wesentliche Botschaft vom Ehemann an seine Gattin in der am 18. August 1930 nach Wien gelaufenen Postkarte.

Die Wahl der Ansichtskarte – sie zeigt eine Totale des Eisenwerkes Witkowitz (heute Vítkovice) – mag für eine solche Nachricht merkwürdig erscheinen, wird aber durch den weiteren Inhalt nachvollziehbar. Der Schreiber hatte, wie er bekundet, auf seiner Zugreise nach Bielsko (heute Bielsko-Biała) im polnischen Schlesien während eines Aufenthaltes an der Strecke nur wenig Zeit und mag sich deshalb für das damals sehr gängige Motiv der Eisenwerke entschieden haben. Die Aufnahme wurde durch den JKO Verlag in Prag in verschiedenen Drucktechniken und Tonungen ab den 1920er Jahren vertrieben und schließlich auch von anderen Verlagen unter verschiedenen Titeln, aber derselben Negativnummer (40/65) übernommen (u.a. SISMO). Die gewählte Technik der Fotogravüre, eines auf Fotografie basierenden Druckverfahrens mittels einer Kupferplatte, ermöglichte den Druck von detailreichen Motiven auch in großer Auflage. Sehr gut vorstellbar, dass in Läden an Bahnhöfen auf der genannten Strecke gerade dieses Bild einer riesigen, die Region prägenden Industrieanlage prominent vertreten und dementsprechend leicht erhältlich war.

Die abgebildeten Eisenwerke in Witkowitz und Ostrau (heute Ostrava), die gerade mal ein Jahr zuvor ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert hatten, waren nach ihrer Gründung 1829 durch den Kardinal-Fürsterzbischof von Olmütz Erzherzog Rudolf schon zu Zeiten der Monarchie von großer Bedeutung und sind in der Folge unter der Führung des Baron von Rothschild gemeinsam mit den Brüdern Gutmann unter dem Namen „Witkowitzer Bergbau- und Eisenhütten-Gewerkschaft“ zu einem der größten Industriebetriebe Mährens angewachsen. Die Imposanz des Unternehmens durch seine schier unvorstellbare Größe war sicherlich ein Grund für die weitreichende Verbreitung des Motivs als Postkarte. Ein weiterer war möglicherweise die positive Einstellung der Bevölkerung in der Region den Werken gegenüber, da neben der Schaffung von tausenden Arbeitsplätzen auch von Beginn an auf die Errichtung sozialer Einrichtungen wie einem Spital, Wohnungsfürsorge, Kindergärten und Schulen, sowie auf den Aufbau von Vereinen und Erholungsmöglichkeiten Wert gelegt wurde. Grundsätzlich sorgten aber hauptsächlich die Unternehmen selbst für eine positive, werbewirksame Eigendarstellung in Form von Auftragsarbeiten engagierter Fotografen. Auch die Eisenwerke Witkowitz gaben jährlich eine Art Prospekt mit Abbildungen ihrer Fabriken und Standorte sowie statistischen Angaben zu Produktion und Arbeiterschaft heraus.

Wahrscheinlich war dem Reisenden bewusst, dass die auf seiner postalischen Sendung abgebildeten Eisenwerke unter anderem die Schienen für die gerade befahrene Strecke der ehemaligen ‚Kaiser-Ferdinand-Nordbahn‘ hergestellt hatten, ohne die eine solche Fahrt gar nicht möglich gewesen wäre. Ein schöner Gedanke, dass der Schreiber dem „Wegbereiter“ seiner Reise durch die Wahl der Postkarte, wenn auch unbewusst, seine Wertschätzung ausgedrückt haben könnte.

Der zweite Teil der Nachricht – weil der Platz auf der Karte fehlte, als zusätzlicher Zettel an die Karte angeklebt – hat sich nicht erhalten, wodurch uns leider die weitere Botschaft verborgen bleibt. Wer hinter dem Autor, der seine Gattin mit „du liebe alte Süße“ anspricht, einen Schelm vermutet, mag womöglich richtig liegen, sollte jener doch schon ein Jahr später als Knappe in dem auf den drei Säulen Kunst, Humor und Freundschaft aufbauenden Männerbund „Schlaraffia“ anheuern, in welchem unter anderem die Versendung humoristischer, mit Codes versehener Postkarten ein beliebter Zeitvertreib war.

 

Martin Keckeis

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