Februar 2016

Anna Koppitz, „Bauernmädel aus der Reichsschule des Reichsnährstandes Burg Neuhaus“,Verlag F. Bruckmann: München 1940, Nr. 16 der Serie, Bromsilbergelatine, ungelaufen, Archiv Freundeskreis Burg Neuhaus

Anna Koppitz, „Bauernmädel aus der Reichsschule des Reichsnährstandes Burg Neuhaus“,Verlag F. Bruckmann: München 1940, Nr. 16 der Serie, Bromsilbergelatine, ungelaufen, Archiv Freundeskreis Burg Neuhaus

Blutige Idylle

Ein Mädchen sitzt in einer Wiese und rupft einem Blümchen die Blütenblätter aus. Sie ist fröhlich lächelnd beim letzten angelangt – denkt sie an einen hübschen Jungen, in den sie sich verliebt hat? Ihr strohblondes Haar ist zu einem Zopf gebunden, und einige Strähnen haben sich daraus gelöst. Der Ausdruck auf ihrem ungeschminkten Gesicht wirkt natürlich, und ihr Dirndl sieht bequem aus, gibt dem Bild eine volkstümliche, zeitlose Note. Es ist eine idyllische Szene, doch der Schein trügt. Das Foto entstand 1939 in Deutschland, und das Modell wurde zur Ausbildung einer Elite-Bauernjugend ausgewählt.

Richard Walther Darré, NS-Chefideologe und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft gründete 1935 die „Reichsschule des Reichsnährstandes für Leibesübungen Burg Neuhaus“ (heute in Wolfsburg). Er hatte parallel dazu schon zahlreiche Bauernschulen gegründet, aber diese verfolgte ein spezielles Anliegen: hier sollten aus der jugendlichen Landbevölkerung nach „rassischen“ Merkmalen die „Nordischsten“, schönsten und kräftigsten ausgewählt werden, um als Idealbild zu dienen. Er stellte dazu den völkisch orientierten Gymnastiklehrer Rudolf Bode ein, der eigens die „Neuhaus-Gymnastik“ entwickelte, um die Bauern mit militärischem Drill zu „Übermenschen“ zu trainieren. Sie wurden dann als Multiplikatoren in ihre Heimatorte zurückgeschickt, wo sie vollgepumpt mit nationalsozialistischer Ideologie ihre KameradInnen indoktrinieren sollten.

Darré führte für Burg Neuhaus eine groß angelegte Imagekampagne und war sich dabei der Macht des Bildes bewusst. Er ließ eigens FotografInnen anstellen, um Aufnahmen der SchülerInnen zu machen, die dann in der Presse, vor allem aber in seinen eigenen zahlreich erschienenen rassistischen „Blut und Boden“-Pamphleten Verbreitung fanden. Er beauftragte in diesem Zusammenhang auch die Wiener Fotografin Anna Koppitz, deren Stil er besonders schätzte. Sie vermochte es mittels ihrer Aufnahmen seine Ideologie präzise zu verbildlichen. Das Bauernmädchen der Postkarte war im Dezember 1939 das Covergirl von Darrés Propaganda-Zeitschrift Odal, begleitet von dem Artikel „Das neue Gesicht bäuerlicher Jugend“. Darin wird die den Jugendlichen zugedachte Rolle betont: „Das Wissen um den Wert der Reinheit des Blutes ist in [dem Gesicht der neuen Bauernjugend] wach, der Stolz der Zugehörigkeit zum Stamm des Nordischen Menschen leuchtet in den offenen Augen dieser Jugend, die sich innerlich klar ist über ihre Berufung, schöpferisch mitzuarbeiten an der Gestaltung des Kommenden, das ein Auslesevorbild des deutschen Menschen sein wird.“

Die Postkarte gehörte zu einer Serie von 16 Stück, die 1940 im Bruckmann-Verlag erschienen – sechs Aufnahmen stammten von Koppitz, die restlichen von dem deutschen Sportfotografen Hanns Spudich. Die meisten Aufnahmen zeigten die NeuhäuserInnen in knappen Sporttrikots, in strammer Haltung gemeinsam turnend. Einige waren aber auch volkstümlich wirkende Motive, denn der Unterricht Rudolf Bodes bestand neben den Leibesübungen aus Volkstänzen und -gesängen. Dafür wurde eigens jenes blauweiße Dirndl als Uniform getragen, das Bewegungsfreiheit geben und den Jugendlichen ihre nationale Zugehörigkeit bewusst machen sollte.

Die SchülerInnen der Burg Neuhaus erhielten die Postkarten zwar als Geschenk, gleichzeitig wurden sie aber aufgefordert, die Propaganda selbst in die Hand zu nehmen und die Bilder im Heimatort zu verbreiten. In dem Begleitschreiben dazu hieß es: „Es wird erwartet, daß jeder Neuhäuser nachhaltig von dieser Möglichkeit, den Neuhaus-Gedanken zu verbreiten, Gebrauch macht. Denn das vom Reichsbauernführer [Walther Darré] gesteckte Ziel, eine kraftvolle Landjugend mit einem gesunden Körper und einem zur Verantwortlichkeit geschulten Geist in Zucht und Sitte heranzubilden, ist gerade in unserer großen Gegenwart von besonderer Bedeutung.“

Die geradezu luxuriös gedruckte Serie kam zu einer Zeit heraus, als kriegsbedingt Papierknappheit herrschte. Darré fokussierte sich während dieser Zeit auf die Verbreitung seiner Anschauungen, auf „Rasse“ und Agrarromantik. Das wurde als kontraproduktiv zur Kriegswirtschaft wahrgenommen, und er wurde 1942 entmachtet. Seinem immensen ideologischen Einfluss tat das keinen Abbruch und man kann heute sagen, dass er einen wesentlichen Beitrag zum Rassewahn geleistet hatte. Im „Wilhelmstraßen-Prozess“ 1949 schaffte er es dennoch erfolgreich sich als „Bauernromantiker“ zu positionieren, wofür er eine milde Strafe erhielt und nach etwa einem Jahr Haft wieder freigelassen wurde.

 

Magdalena Vukovic

 

Ich danke Elke Fuchs und dem Freundeskreis der Burg Neuhaus für die Zusammenarbeit.

Im Photoinstitut Bonartes findet eine Ausstellung zu diesem Thema statt.

 

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