Mai 2013

„Dolomiti. Lago di Misurina 1755 – Sorapis 3205. Misurina-See gegen Sorapis”, Verlag G. Ghedina, Cortina, Kupfertiefdruck, gelaufen, Poststempel 13.8.1959.

„Dolomiti. Lago di Misurina 1755 – Sorapis 3205. Misurina-See gegen Sorapis”, Verlag G. Ghedina, Cortina, Kupfertiefdruck, gelaufen, Poststempel 13.8.1959.

Ein Blick auf See und Gebirge

1959 ist die Karte verschickt worden, sie zeigt eine Ansicht des Misurina-Sees, der sich, farbenfroh koloriert, unter einem Schönwetterhimmel ausbreitet. Was wird hier vermittelt? Ganz deutlich nicht nur das Bild einer Landschaft, sondern auch noch etwas anderes, nämlich die Art und Weise, wie diese Landschaft betrachtet wird. Die kleinen Figuren im Bildvordergrund sind der Aussicht zugewandt, sie stehen am Ufer oder sitzen, in zweiter Reihe, auf Bänken, um einen Blick auf See und Gebirge zu werfen. Gerahmt von den aufsteigenden Hängen links und rechts, eingefasst von der den Bildvordergrund abgebenden Straße bieten sich diese in wohlgeordneter Komposition dar.

Es sind Postkarten wie diese, die die blicklenkende Funktion des Mediums auf verschiedenen Ebenen deutlich machen. Gemeinsam mit anderen visuellen Medien sind Postkarten an der Definition dessen beteiligt, was ideale Landschaften sind. Sie machen zugleich Vorschläge, in welcher Weise und von welchen Punkten aus diese idealen Landschaften konsumiert werden können. Manchmal rücken sie jene „Möblierungen“ des öffentlichen Raums ins Bild, die – wie Aussichtsplattformen, Fernrohre oder hier, Sitzbänke – das Betrachten einer Landschaft auch vor Ort lenken und als touristische Praxis einüben.

Auch in den Requisiten sind Postkarten historischen Wahrnehmungskonventionen verpflichtet.

Was später völlig aus der Imagerie der Postkarte verschwinden wird, ist in den späten 50er Jahren noch ein prestigeträchtiges Zeichen: Die Autos, Busse und Motorräder im Bildvordergrund stehen nicht nur für die Motorisierung breiter Bevölkerungsschichten, sie sind für die Wirtschaftswunder-Generation auch ein Mittel persönlicher Selbstverwirklichung und der zusehenden Erschließung der räumlichen Umwelt. Sind die Fahrzeuge deshalb so nachdrücklich koloriert worden? Auch die breiten asphaltierten Straßen, die Strommasten am Wegesrand, und nicht zuletzt die prächtigen Hotels als Saum zwischen See und Gebirge dienen als Zeichen jener technischen Durchdringung der Naturlandschaft, von deren Erfolgen Postkarten wie diese künden.

(ET)

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