September 2015

Unbekannter Autor, [Verlags-Signet unbekannt], Gruß aus Hamburg, Silbergelatine in goldfarbenem Prägerahmen auf rotem Postkartenkarton mit Goldschnitt und Prägelettern, um 1900, gelaufen 16.4.1901 von Hamburg nach Altenburg, Privatsammlung.

Unbekannter Autor, [Verlags-Signet unbekannt], Gruß aus Hamburg, Silbergelatine in goldfarbenem Prägerahmen auf rotem Postkartenkarton mit Goldschnitt und Prägelettern, um 1900, gelaufen 16.4.1901 von Hamburg nach Altenburg, Privatsammlung.

Ein Gruß luxuriöser Prägung

Bei einem ersten Blick auf die Bildseite der Karte beeindruckt ihre aufwendige Gestaltung. Die Postkarte ist aus rot durchgefärbtem Papier gefertigt und mit goldfarbenen Prägerahmen und -lettern, sowie mit Goldschnitt versehen. In den Rahmen ist ein Originalabzug auf Silbergelatine montiert. Das prunkvolle Design dieser damals sicherlich kostspieligen Karte ist angelehnt an die Machart von Jubiläumskarten und Andenkenbildchen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, deren Veredelung durch die Hochblüte der Luxuspapierindustrie vorangetrieben wurde. Waren Postkarten zu Beginn ihres Aufkommens noch als reine Korrespondenzmittel mit einer Adress- und einer Schriftseite gedacht, expandierten die Gestaltungsvielfalt der Produzenten und der technische Fortschritt in den Bereichen Fotografie und Reproduktionsverfahren rasant. Bis zum Ende des Jahrhunderts war eine prosperierende Industrie entstanden. Abbildungen wurden als fotografische Abzüge sowie als Reproduktionen in zahlreichen Drucktechniken auf den Karten – nun auch unter der Bezeichnung „Ansichtskarten“ – mit verschiedensten Einfassungen, Rahmungen und Vignettierungen präsentiert. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Fotografien immer mehr zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand geworden waren und damit der Stellenwert ihrer Präsentation auch in der privaten Erinnerungskultur zunahm. Papier diente dabei als Ersatzstoff für kostbarere Materialien wie Metall oder Holz. Zur Verwendung kamen maschinell hergestellte, veredelte Papiere, die durch Aufdruck, Prägen, Stanzen, Kleben, Falten, Bemalen oder Ausstaffieren mit Fremdmaterialien verändert wurden. Dem Rahmen selbst wurde die Funktion einer Schnittstelle zwischen Bild und Betrachter zuteil, er sollte die Aufmerksamkeit stimulieren und nahm darüber hinaus auf die Wahrnehmungs- und Gebrauchsweisen von Fotografien entscheidenden Einfluss.*

Das gerahmte Motiv zeigt den Jungfernstieg an der Binnenalster in Hamburg in Blickrichtung Stadtzentrum mit dem Alsterpavillon im Vordergrund und dem Rathaus, der Hauptkirche Sankt-Petri, sowie dem Hamburger Hof im Hintergrund. Um 1900 war gerade der vierte Neubau des Pavillons eröffnet worden, um dem immer größer werdenden Ansturm der Einheimischen und Touristen auf die Flaniermeile gerecht zu werden.

Ein Blick auf die Adressseite mag Betrachter der Karte glauben lassen, ein historisches Fundstück aus dem Schriftverkehr einer berühmten Persönlichkeit, des Komponisten Richard Wagner, in Händen zu halten. Nach Feststellung des Versanddatums wird aber klar: Der Adressat der Postkarte, die am 16.4.1901 von Hamburg nach Altenburg in Thüringen gelaufen ist, war nur ein Namensvetter des deutschen Komponisten, der zu dieser Zeit längst das Zeitliche gesegnet hatte. Aus dem Schreiben vom Vater an seinen Sohn geht hervor, dass dieser den offensichtlich noch jugendlichen Empfänger, der in Altenburg zur Schule ging und für die Dauer seines Schulbesuchs bei einer Gastfamilie untergebracht war, am folgenden Tag zu besuchen gedachte. Die Frage, warum für eine doch sehr knapp gehaltene Nachricht die Wahl auf eine so aufwendig gestaltete Karte fiel, bleibt unbeantwortet. Womöglich waren die Besuche nur selten, vielleicht gehörte der Empfänger aber auch zu den immer zahlreicher werdenden Sammlern von illustrierten Postkarten?

 

Martin Keckeis

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*Das Photoinstitut Bonartes eröffnet zum Thema Fotografie und Rahmung am 15. September die Ausstellung „Gerahmtes Gedächtnis“, bei der auch Postkarten zu sehen sein werden. Ein Dank geht an dieser Stelle an die Kuratorin der Ausstellung Mila Moschik, die für diesen Text ihre Rechercheergebnisse zur Verfügung gestellt hat.

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