März 2014

o.A.: „Pozdrowienie ze ZÍoczowa. Gruss aus ZÍoczów“, monochromer Lichtdruck, gelaufen nach Innsbruck, Poststempel vom 6. 10. 1901, Privatsammlung

o.A.: „Pozdrowienie ze ZÍoczowa. Gruss aus ZÍoczów“, monochromer Lichtdruck, gelaufen nach Innsbruck, Poststempel vom 6. 10. 1901, Privatsammlung

Ein Himmel voller Namen

Es muss eine große Gesellschaft gewesen sein, die an diesem 6. Oktober 1901 in ZÍoczów im damaligen Galizien versammelt war, in der Sobieskagasse oder Ulica Sobieskiego, wie die Karte zweisprachig vermerkt.  Mit einem von Bleistift gezogenen  Pfeil ist das Haus rechts im Bild markiert, das offenbar Ort des Geschehens gewesen ist. Vielleicht handelte es sich Armeeangehörige, die die Karte an den K.k-Hauptmann  des 35. Landwehr-Infanterie-Regiments adressierten?  Unterzeichnet haben jedenfalls über zwanzig Personen, einige davon haben in Miniaturschrift einen kurzen Gruss hinzugefügt, um den beschränkten Platz nicht über Gebühr zu beanspruchen.

Solche beschriebenen Sujets häufen sich in den Jahren nach 1900 und verraten nicht nur etwas über Kommunikationspraktiken in der Habsburgermonarchie, sondern auch über eine mediengeschichtliche Veränderung, die etwas mit der Fotografie zu tun hat. Es ist in diesen Jahren, genau genommen ab den Jahren 1897/98, dass solche kartenfüllenden Sujets aufkommen, sehr häufig in einem fotomechanischen Druckverfahren namens Lichtdruck reproduziert. Sie wurden zu ihrer Zeit als ungemein modern empfunden. In ihrer formalen Struktur unterscheiden sie sich stark von dem, was bis dahin eine typische illustrierte Postkarte war: Keine Blumengirlanden und Ranken, keine verschnörkelte Schrift, und statt mehrerer kleiner, gezeichneter Ortsansichten und einem freien Raum für die Mitteilung ist es ein einzelnes Sujet, das die Karte füllt. Erst mit solchen Ansichten werden Postkarten streng genommen zu einem visuellen Massenmedium. In einem Bericht der Niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer aus dem Jahr 1901 heißt es, dass eine Serie solcher Karten (meist 4 bis 12 Stück) „in der Regel in einer Auflage von 10 000 Exemplaren erscheint, wobei Auflagen von bis zu einer halben Million Exemplare nicht gerade zu den Seltenheiten zählen“.

Motive wie dieses zeugen also von einer mediengeschichtlichen Veränderung, von einer Verschmelzung unterschiedlicher Genres. Denn einerseits haben Postkarten damit jenen Fotografien zu ähneln begonnen, die davor vor allem im Visit- und Kabinettformat zirkulierten. Andererseits waren sie aber nach wie vor zum Beschreiben da, und zwar so wie bisher auf der Bildseite. Wo aber schreiben, wenn das Bild mehr oder weniger die ganze Kartenfläche füllt? Lösungen waren in jenen Jahren um 1900 schmale Ränder oder Rahmen, ausgeschnittene Bereiche oder Montagen, um Platz für Mitteilungen zu schaffen. Oder aber, wie hier, ein Layout, bei dem der Horizont zu einer freien weißen Fläche wird, die zum Beschreiben einlädt – und so Fotografie und Handschrift auf bizarre Weise verbindet.  Mit den Lichtdruckkarten und anderen fotografischen Ansichten ist jedenfalls eine neue Richtung in der Postkarten-Bilderwelt eingeschlagen worden, und sie blieb nicht ohne Folgen: Im Herbst 1904 wurde von der Postverwaltung verfügt, dass ab sofort nicht mehr auf der Bildseite, sondern auf der – nun durch einen Querstrich geteilten – Adress-Seite geschrieben werden kann. Die Bilder wurden so von der zusehends als Beschmutzung empfundenen Handschrift „befreit“. Die Poesie eines Himmels voller Namen begann damit der Vergangenheit anzugehören.

(ET)

Zurück