Mai 2016

Unbekannt, Privataufnahme, April 1919, Silbergelatineabzug, gelaufen von Brünn nach Wien, Poststempel 12.4.1919, Privatsammlung

Unbekannt, Privataufnahme, April 1919, Silbergelatineabzug, gelaufen von Brünn nach Wien, Poststempel 12.4.1919, Privatsammlung

Ein mysteriöser Mann

Inmitten einer heiter wirkenden Menge steht wahrscheinlich Ery van Brée-Andrussen, breitbeinig und selbstbewusst, ein Mann vieler Talente. Als „genialster Telepath der Gegenwart“ tingelte Andrussen mit seinem Programm durch ganz Österreich und zahlreiche weitere Länder in Europa. Etwa 2.000 Vorstellungen soll er nach eigenen Angaben bis 1928 gegeben haben. Eine Lokalzeitung erinnert sich 1931 lebhaft an eine Darbietung, die schon zehn Jahre zurücklag: „Da tanzten auf der Bühne der Stadttheaters, auf den Befehl eines Fremden, die ernsthaftesten Menschen, da schwammen sie im ‘Trockenen‘ und tranken sich einen Rausch ‘aus leeren Gläsern‘ an, um dann jubelnd irgend einem ‘suggerierten‘ Bräutigam um den Hals zu fallen.“. Eine seiner Spezialitäten war das „Schwarzenpunktsehen“, bei dem er, ohne die Person zu kennen oder gekannt zu haben, intime Details über ihr Leben oder Sterben berichten konnte. Dass Andrussen 1922 in Baden wegen Verdacht des Betrugs verhaftet wurde, tat seiner Popularität keinen Abbruch.

Andrussen gehörte zu einer Reihe von Telepathen, Hypnotiseuren und Gedankenlesern, die mit dem Ende des Ersten Weltkrieges in Österreich auftauchten. Wie so oft in Zeiten des Niederganges, herrschte reges Interesse an Metaphysischem in der Bevölkerung. Skandinavisch klingende Namen waren groß in Mode, und so gab es die praktizierenden Telepathen Hanussen, Magnussen und eben auch Andrussen.

Die vorliegende Postkarte mit dem Amateurfoto auf der Bildseite stammt aus der Frühzeit von Andrussens Karriere; er schrieb sie am 9. April 1919 aus dem Grand Hotel in Brno/Brünn an Herrn Doktor Petelka von der Tschecho-Slowakischen Gesandtschaft in Wien. Die Tschechoslowakei war erst wenige Monate zuvor gegründet worden, und Andrussen bedankte sich bei Petelka und lobte „seine Heimat“, die ihm „so große Erfolge beschert hatte“ – vermittelte ihm jener ein Engagement in Brünn? Andrussen betitelte die Bildseite als „Autoseance“ vom 6. April, aber was er genau damit meinte, wissen wir nicht. Die angespannte Lage in der Tschechoslowakei entspricht nicht der freudigen Stimmung auf der Karte: Am 4. März kam es bei Demonstrationen Sudetendeutscher für Selbstbestimmungsrecht und die Zugehörigkeit zu Deutschösterreich zu blutigen Ausschreitungen. In Brünn war etwa die Hälfte der Bevölkerung deutschsprachig, aber welcher Teil sich um Andrussen gruppiert hat, ist ebenso unbekannt wie der Urheber des prompt, aber schlampig ausgearbeiteten Fotos. Warum der Telepath eine k. u. k. Uniform trägt, bleibt auch rätselhaft.

 

Magdalena Vukovic

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