Dezember 2015

Unbekannter Fotograf, „La pantalon du Géant HUGO. HUGO offre 1.000 francs à son rival.“ nach 1904, 13,8 x 9,2 cm, Lichtdruck, gelaufen nach 1907 von Reignac, Gironde nach Pont d'Ouilly, Calvados, Frankreich, Privatsammlung.

Unbekannter Fotograf, „La pantalon du Géant HUGO. HUGO offre 1.000 francs à son rival.“ nach 1904, 13,8 x 9,2 cm, Lichtdruck, gelaufen nach 1907 von Reignac, Gironde nach Pont d'Ouilly, Calvados, Frankreich, Privatsammlung.

Ein „Riesen-Autogramm“? – „Géant Hugo offre 1000 francs à son rival“

1000 Francs Belohnung werden laut gedrucktem Text auf der Bildseite demjenigen geboten, der im Stande war, die zu seiner Zeit angeblich unerreichten Körpermaße des „Riesen“ Baptiste Hugo, geboren 1879 in den italienischen Alpen, zu übertreffen. Und diese waren in der Tat beeindruckend – den biografischen Angaben auf der Karte nach maß er mit 25 Jahren 230 Zentimeter, wog 430 Pfund, hatte Schuhgröße 61 und konnte ohne Probleme eine 5 Francs-Münze mit seinem Daumen überdecken. Zur Veranschaulichung der gewaltigen Dimensionen ist auf der Bildseite der Postkarte eine Fotografie der vermeintlichen Hose von Hugo abgedruckt, in der – so hat es den Anschein ­– zwei Männer nebeneinander jeweils in einem Hosenbein stehend gemütlich Platz finden konnten. Ob es sich dabei um eine unbearbeitete Fotografie oder um eine Montage handelt, lässt sich nicht so leicht beurteilen. Jedenfalls gab es von diesem Motiv nur wenige Negative, denn ein und dasselbe wurde trotz deutlich fehlerhafter Stellen für die Produktion weiterer Postkarten verwendet, was sich unschwer an den identischen weißen Punkten (wohl Bläschen im Negativ) erkennen lässt.

Auch die Darstellungen auf anderen Postkarten zielten darauf ab, die schiere Größe von Baptiste Hugo zu illustrieren, indem er entweder an der Seite von besonders kleingewachsenen oder auf Leitern stehenden Menschen abgebildet oder durch die Wahl der Perspektive und Distanz übergroß inszeniert wurde. Zusammen mit seinem nur wenige Zentimeter kleineren Bruder Antoine gehörte Baptiste nicht nur zu den am meisten fotografierten Menschen mit Gigantismus am Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern sie waren auch vermutlich die ersten Patienten mit familiärer Akromegalie, die in der Literatur beschrieben wurden.

In diese Bahnen hatte ein findiger Geschäftsmann die Geschicke der Brüder gelenkt. Der Ruf der beiden Jungen mit den enormen Körpermaßen war ihnen weit über ihren Geburtsort, ein Bergdorf in den italienischen Alpen, voraus geeilt und so hatte sich ein in der Tradition Barnums stehender Manager namens Oscar Maréchal die Rechte für die Brüder gesichert und sogleich mit der professionellen Vermarktung begonnen. Zunächst ließ er die beiden von diversen anthropologischen Instituten untersuchen und ihre Abmessungen wissenschaftlich bestätigen, um dann eine überarbeitete Biografie und Fotografien für kommerzielle Zwecke zu produzieren und sie als Duo der ganzen Welt zu präsentieren.

Die Betonung seiner propagierten Alleinstellung als größter Mensch der Welt war Baptiste Hugo, wie auch seinem Manager Maréchal, überaus wichtig, denn sie bildete die Grundlage für die Inszenierung als menschliche Attraktion und damit sein größtes Kapital. Zudem war Ende des 19. Jahrhunderts die Konkurrenz auf Jahrmärkten und in Zirkussen, die alles Erdenkliche an phänotypischen Extremen und biologischen Grotesken zur Schau stellten, durchaus ernst zu nehmen. Denn vor allem in den Ballungszentren erlebten ganzjährig betriebene Vergnügungsstätten eine Blütezeit. Dies lag zum einen daran, dass durch die neue Arbeits- und Lebensweise im Zuge der Industrialisierung Freizeit als Kontrast zum Erwerbsleben gerade erst entstanden war und entsprechend gefüllt werden wollte. Zum anderen erfuhr das wissenschaftliche Interesse am Wesen Mensch im 19. Jahrhundert einen Aufschwung, was sich unter anderem im gesteigerten Bedürfnis nach anthropologischer Vermessung und Klassifizierung äußerte. Die Zur-Schau-Stellung von sogenannten 'Monstrositäten' in Zirkussen und auf Jahrmärkten war Teil dieser Schnittmenge zwischen Wissenschaft und Spektakel und zog dementsprechend die Massen an.

Die Lebensumstände der in dieser Form präsentierten Individuen waren hingegen prekär, ihre Biografien von Ausgrenzung und Ausbeutung gezeichnet. Baptiste Hugo soll hier zusammen mit seinem Bruder eine Ausnahmestellung eingenommen haben, denn sie konnten es sich angeblich leisten, selbstbestimmt auf Veranstaltungen wie Jahrmärkte zu verzichten und mit eigenem Auto zu ausgewählten Terminen zu reisen. Das will uns zumindest die von ihrem Manager Maréchal verfasste Biografie glauben machen, in der die Brüder aber schon wegen der besseren Vermarktungsmöglichkeiten zu Franzosen gemacht worden waren. Auch wenn es einen glücklicheren Verlauf als das von anderen 'Monstrositäten' genommen haben sollte, so war das Leben der beiden auf Grund von Akromegalie und Gigantismus nur von begrenzter Dauer. Antoine Hugo starb 1914 im Alter von 24 Jahren, sein Bruder Baptiste folgte ihm 1916 mit immerhin schon 37 Jahren.

Postkarten mit fotografisch illustrierten Kuriositäten waren neben Plakaten und Zeitungsannoncen wichtigstes Werbemittel der Veranstalter und Manager sowie der Modelle selbst und deshalb an entsprechenden Veranstaltungsstätten in großer Stückzahl verfügbar. Die vorliegende Karte ist als Autogrammkarte gestaltet, mit der Signatur von Hugo auf der Bildseite und einer biografischen Notiz an Stelle des Feldes für persönlichen Text auf der Adressseite. Auf viel Text wurde bei der Versendung solcher Karten ohnehin verzichtet, denn an erster Stelle stand der Beweis, einer wahrhaften Kuriosität begegnet zu sein. Eine genaue Datierung der Karte ist wegen der kaum mehr erkennbaren Stempel nur schwer möglich. Das abgedruckte Alter von Baptiste Hugo und die verwendete Marke geben aber Hinweise für eine Eingrenzung. Demnach wurde die Karte nicht vor 1904 produziert (Geburtsjahr Baptiste Hugo: 1879) und nicht vor 1907 versendet, da die Marke, eine „Semeuse“ im Wert von 5 Centimes, erst im März 1907 ausgegeben wurde.

Die 1000 Francs hätte sich übrigens ein Russe namens Fedor Machnow leicht verdienen können, hätte er von der Herausforderung gewusst: Er maß nämlich 2,38 Meter und hätte Baptiste Hugo damit deutlich überragt.

Martin Keckeis

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