Juli 2016

Carl Otto Hayd, München: Briefmarkensatz der Österreichischen Post 1901/02, 9 x 13,8 cm, Chromolithografie, Prägekarte, gelaufen 1903? von Wien nach Wien; Privatsammlung

Carl Otto Hayd, München: Briefmarkensatz der Österreichischen Post 1901/02, 9 x 13,8 cm, Chromolithografie, Prägekarte, gelaufen 1903? von Wien nach Wien; Privatsammlung

Ein Satz Briefmarken

Ansichtskarten mit Darstellungen von Briefmarken werden in der einschlägigen Sammlerliteratur als bildliche Kommentare zur Postgeschichte verstanden. Jene Exemplare, auf denen vollständige Sätze wiedergegeben sind, verweisen zudem auf ein konstitutives Element des Sammelns, das nach Komplettierung der Kollektion strebt. Ob bestimmte Motive, Sonderausgaben, Fehl- oder Probedrucke, Fälschungen, Neu- oder Nachdrucke der Postverwaltung eines Landes gesucht werden – nur selten wird man sämtliche je erschienenen Stücke finden können. Insofern bietet die lückenlose Sequenz eine kleine Genugtuung, wenn alle postfrischen und gestempelten Werte einer Ausgabe gefunden beziehungsweise erworben werden konnten.

 

Der abgebildete Satz mit den 13 Wertzeichen ist zwischen Juni 1901 und Februar 1902 von der „Kais. königl. Österr. Post“ aufgelegt worden. Jede Marke zeigt den mit einem Lorbeerkranz versehenen Kopf des Kaisers Franz Joseph I. sowie einen doppelten Aufdruck „Heller“ als der gültigen Währung. In der gedruckten Wiedergabe ist der aufgebrachte Lackstreifen nicht erkennbar, der die Wiederverwendung gebrauchter Marken mit entfernten Poststempeln verhindern sollte. Frankiert ist die vorliegende Karte mit einer 2-Kreuzer-Marke und hätte eigentlich nicht mehr transportiert werden dürfen, nachdem die Kreuzer-Gulden-Währung ab September 1900 ihre Frankaturfähigkeit verloren hatte.

 

Walter Benjamin hat in seinem Passagen-Werk, das zwischen 1927 und 1940 verfasst, jedoch erst 1982 erschienen ist, die konträren Ausrichtungen des Sammelns aufgezeigt. „Es ist beim Sammeln das Entscheidende, daß der Gegenstand aus allen ursprünglichen Funktionen gelöst wird [,] um in die denkbar engste Beziehung zu seinesgleichen zu treten. Diese ist der diametrale Gegensatz zum Nutzen und steht unter der merkwürdigen Kategorie der ‘Vollständigkeit’? Sie ist ein großartiger Versuch, das völlig Irrationale seines bloßen Vorhandenseins durch Einordnung in ein neues eigens geschaffenes historisches System, die Sammlung zu überwinden.“

 

Von der Leidenschaft des Sammelns – ob Briefmarken oder Postkarten – waren die beiden Freundinnen allerdings nicht bewegt, wie sich aus dem Text unschwer ablesen lässt. Vielmehr hat die mit „Emmerl“ unterfertigte Absenderin auf mehrfache Weise die Ordnung, die mit einem kompletten Briefmarkensatz aufgerufen ist, konterkariert. Nicht nur hat sie beim Frankieren auf ein Exemplar aus der abgebildeten Ausgabe verzichtet, sondern das Motiv der Bildseite der Karte hat sie ausschließlich in ästhetischer Hinsicht angesprochen. „Nun habe ich diese Karte ausgesucht [,] um Dir liebes Herzerl eine Freude zu bereiten. Habe ich nicht einen guten Geschmack?“ Sie hat also gewissermaßen Briefmarken aus der Ordnung der Sammlung herausgelöst und in ihrer ursprünglichen Funktion als Wertzeichen, das den Transport der Postkarte garantiert, gesehen. Und nichts spricht dafür, dass die Karte der Freundin zur Ergänzung von deren Sammlung übersandt worden ist. Der Fokus richtete sich bei der Absenderin wie wohl auch bei der Empfängerin lediglich auf ein hübsches Bild, das die aktuelle Auflage eines Briefmarkensatzes begleitet hat.

 

Timm Starl

 

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