Eine Defner-Postkarte zur Jahreswende

Vorliegende Karte wurde am 28. Dezember 1935 als Neujahrsgruß an einen Studenten der Ingenieurswissenschaften – die Anschrift „cand. ing.“ verrät es – von Innsbruck nach Wien verschickt. Der Sender bedankt sich für ein geschenktes Foto mit einem ebensolchen, nun als Fotopostkarte. Die Aufnahme zeigt eine Taschenuhr, die auf einem geöffneten Buch liegt. Ihre Zeiger stehen auf 12 – eine etwas plakative Umsetzung des Bildtitels „Jahreswende“. Aufgeschlagen ist Johann Wolfgang von Goethes „Zueignung“, ein Gedicht, mit dem der Faust, sein Hauptwerk, einsetzt. Darin gewährt er, der alte Mann, Einblick in seine Gedankenwelt und sein langwährendes Ringen um den Stoff. Das Stillleben bemüht sich, eine kontemplativ-gedankenvolle Geisteswelt entstehen zu lassen.

Stillleben dieser Art finden sich im umfangreichen Repertoire des Fotografen und Verlegers Adalbert Defner selten. Zu seinen wichtigsten Motiven gehören vor allem stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen, Blumen und romantische Ortsansichten. Solche Sehnsuchtsorte schufen gerade in politisch turbulenten Zeiten wie dem Zweiten Weltkrieg ideale „geistige Refugien“. Nach Zwischenspielen seit 1919 in Deutschland und Innsbruck verlegte Defner 1929 seine Firma nach Igls (Tirol), den nunmehr alleinigen Standort der „Lichtbildwerkstätte Dr. Adalbert Defner“ (heute: Defner Photo Verlag). Defner, bereits im Ersten Weltkrieg als Fotograf tätig, entwickelte ein Gespür für den Bildausschnitt, die Komposition und den Aufbau, die Atmosphäre, das Licht und den richtigen Moment. Hinzu kam der Blick für Details. Damit gelang es ihm, selbst einfache Sujets wie Blumen geradezu mystisch aufladen. Außerdem vermitteln seine Aufnahmen eine Leidenschaft für das Wandern und Skifahren.

Abgesehen von den zeitlosen, atmosphärischen Sujets, hat eine Defner-Karte ein charakteristisches Erscheinungsbild. Unverkennbar ist die großzügige weiße Einfassung des Motivs, die ein Zackenrand abschließt, welcher die Vorstellung von noblem Büttenpapier wecken sollte. Auf einer Seite weitet sich der Rand, um Platz für Informationen zu schaffen: rechts oben für den Bildtitel, der durch seine faksimilierte Handschriftlichkeit Vertrautheit und Wärme vermittelt; in der Mitte das Verlagssignet „AD“; darunter die Signatur („Dr. Defner“) und die Archivnummer. Während Defner anfangs noch händisch den Bildtitel notierte und signierte, kopierte man später diese ins Negativ ein. Mit der Signatur signalisierte Defner sein Selbstverständnis als Künstler. Er pflegte etwa Kontakt zu Heinrich Kühn, mit dem er das Weichzeichnerobjektiv Imagon entwickelte. Defner verwendete die Stegemann-Kühn-Kamera (eine 9 × 12 cm-Kamera), aber auch eine 13 × 18-cm-Kamera und die kleinformatige Leica.

Die Blütezeit erlebte der bis heute größte Fotokartenverlag Österreichs in den 30er-Jahren, in denen er jährlich bis zu 300.000 Ansichtskarten produzierte. Dazu kamen Billetts und Kalender. Das 1931 verlegte Buch Das schöne Tirol (Tyrolia-Verlag) erfuhr mehrere Auflagen. Bis heute werden diese Karten vorrangig in Österreich, Deutschland, Schweiz und Italien verkauft und sind eng mit der Entwicklung des Tiroler Tourismus verbunden. Bis in die 1960er kopierte der Verlag die Motive händisch auf Fotopapier, die Rotationsentwicklungs- und Rollenkopiermaschine löste diese Herstellungsweise ab. 1992 stellte man von der ursprünglichen fotochemischen Produktion auf Duplex-Druck (Zweifarbdruck) um. Heute führt Thomas Defner in dritter Generation das Familienunternehmen, das Bildrepertoire wird kontinuierlich erweitert.

Mila Palm, 6. März 2020



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