Juni 2016

Gustav A. Stosius, um 1910, Silbergelatineabzug, gelaufen von Prag nach Laa a. d. Thaya, Poststempel 1.9.1911, Privatsammlung.

Gustav A. Stosius, um 1910, Silbergelatineabzug, gelaufen von Prag nach Laa a. d. Thaya, Poststempel 1.9.1911, Privatsammlung.

Geldtag beim Oberlehrer

Für diese Aufnahme öffnete sich dem Fotografen –  wahrscheinlich auf seine Anweisung hin, denn alle Blicke sind gebannt auf ihn gerichtet  – ein Spalier, und eine bunt zusammengewürfelte  Menschenmenge gab den Blick  auf den Grund für die vielen Schaulustigen frei, die sich  an jenem Tag auf einem Feld versammelt hatten: ein Doppeldecker-Flugzeug.

Die Fotografie dieser Postkarte, ein Originalabzug in Silbergelatine, stammt von Gustav Adolf Stosius.  Den Beleg dafür liefert der schon sehr verblasste, kaum lesbare  Stempel „Photog. & Verlag G. A. Stosius in Laa/Thaya N. Ö.“ auf der Adressseite. Der 1837 in Galizien geborene Fotograf war ursprünglich gelernter Ingenieur und ab 1860 für die k.k. priv. Staatseisenbahn-Gesellschaft in Laa an der Thaya tätig, wo er sich nach seiner Heirat auch niederließ. Schon in seiner Heimat hatte er sich mit Fotografie auseinandergesetzt und wurde wahrscheinlich  deshalb von seinem Arbeitgeber mit der fotografischen Dokumentation der Eisenbahnlinien und Industriebetriebe unter anderem im Banat im heutigen Rumänien betraut. Im Jahr 1872 wurde er in die Photographische Gesellschaft aufgenommen und professionalisierte schließlich 1885  seinen Nebenerwerb mit einem eigenen Atelier in Laa an der Thaya, wo er sich als Stadtbaumeister und akribischer Dokumentarist der Stadt und der weiteren Umgebung einen Namen machte. Die Suche nach geeigneten Motiven für seine Fotografien und Postkarten mag ihn auch auf jenes Feld geführt haben, wo das abgebildete Flugzeug offenbar gerade gelandet war.

Beim diesem handelt sich höchstwahrscheinlich um ein Fluggerät vom Typ Warchalowski Autobiplan, hergestellt ab dem Jahre 1909 von der Firma Werner & Pfleiderer in Wiener Neustadt  und nach dem polnischen  Konstrukteur Adolf Warchalowski benannt. Die stromlinienförmige Ausführung des Pilotenkorbes spricht für eine  spätere Bauart der Serie, die zunächst für militärische Zwecke und dann für Flugwettbewerbe optimiert worden war. Warchalowski war selbst Pilot und konnte mit dem Flugzeug, eine Weiterentwicklung des Henri Farman Doppeldeckers mit ausgeklügeltem Fahrwerk und Flügeln in Form des Zanonia-Flugsamens zahlreiche Trophäen gewinnen. Schon 1910 hatte er  den vom Unternehmer Gerngross gestifteten Preis für den ersten 15-Minuten-Flug und den ersten fünfminütigen Passagierflug in Österreich entgegennehmen dürfen. Außergewöhnlich dabei war, dass der ‚Pilot Nummer Eins ‚ der Monarchie bei Wettflügen als Vertreter Polens in den entsprechenden Landesfarben antrat und so für einiges an Missstimmung auf österreichischer Seite sorgte. Nichtsdestotrotz fanden seine Erfolge auch im Kaiserhaus Beachtung. Zu Franz Josefs Geburtstag flog er im August 1910 von Wiener Neustadt aus über die gesamte Innenstadt und drehte in 700 Meter eine Runde über den Stephansplatz, worüber international groß berichtet wurde und wofür er vom Kaiser persönlich beglückwünscht wurde.

Die Postkarte wurde am 1. September 1911 von Josef Langg  in Prag nach Hanfthal an den Oberlehrer Franz Josef Kohlhauser gesendet, der wohl für zumindest für einen gewissen Teil des Einkommens des Absenders verantwortlich war, denn der Text enthält Anweisungen, wie am „Geldtag“ mit dem zustehenden Betrag zu verfahren wäre. Wofür Josef Langg bezahlt wurde, ist nicht bekannt. Es könnte aber durchaus möglich sein, dass der Verfasser von Kurzgeschichten – zumindest wurde eine davon, Die Ehrenrettung, in den Feuilletons des Neuen Wiener Journals beziehungsweise des Mährischen Tagblattes im Januar 1907 abgedruckt – im Dienst der Schule stand, an der Kohlhauser als Oberlehrer tätig war.

Martin Keckeis

 

Ich möchte mich herzlich bei Mag Bruno Waigner aus Laa a. d. Thaya für die bereitgestellten Informationen bedanken.

Zurück