Mai 2014

Fotografie und Verlag Oskar Lenhart: Kinderjause in der Burg, „Lichtbild-Künstlerkarte“, Gelatinepapier, ungelaufen, druckschriftlich datiert auf 1919/1920.

Fotografie und Verlag Oskar Lenhart: Kinderjause in der Burg, „Lichtbild-Künstlerkarte“, Gelatinepapier, ungelaufen, druckschriftlich datiert auf 1919/1920.

Geordnete Verhältnisse

Die Szene, eine „Kinderjause“, hat alle Merkmale einer gelungenen Inszenierung. Niemand spricht, keines der Kinder schaut in die Kamera. Haben sie Anweisung erhalten, sich nicht zu rühren? Der Raum – wir befinden uns in der Grazer Burg – strahlt den Ernst geordneter Verhältnisse aus. Selbst die Stühle stehen in gefälliger Abwechslung von Holz- und Korbmöbeln. Als einzige von allen Personen im Bild hat die junge Frau im Hintergrund Blickkontakt zu dem Mann hinter der Kamera aufgenommen; er heißt Oskar Lenhart und ist Amateurfotograf in Graz, wo die Aufnahme 1919 oder 1920 entstanden ist. Sie ist Teil einer Serie von Fotopostkarten, die Aktivitäten der Fürsorge und Kriegswohlfahrt während des Ersten Weltkriegs und danach dokumentiert. Andere Motive zeigen etwa Warteschlangen im städtischen Fürsorgeamt, eine „Kartoffelausgabe“ in einem Grazer Innenhof, einen Kriegskinderhort, Altmetallsammlungen, und so weiter. Der Amateurfotograf hat die Karten wohl selbst verlegt, zumindest deutet der Aufdruck „Lichtbild-Künstlerkarte Oskar Lenhart“ darauf hin.

 

Aus dem Aufdruck spricht ein Selbstverständnis, das typisch ist für Amateure, die die Fotografie als Hobby, aber mit Ambition betrieben haben. Gegenüber professionellen Fotografen zielte ihre Praxis nicht auf Erwerbstätigkeit, sondern fand in der Freizeit statt. Amateure organisierten sich in fotografischen Vereinen und beteiligten sich an Ausstellungen, so war Oskar Lenhart etwa seit 1901 Mitglied im Club der Amateurfotografen in Graz. Vielleicht ist es aus diesem Grund, dass Postkarten mit Aufnahmen von Amateuren relativ selten sind. Ihrem künstlerischen Anspruch dürfte die kleinformatige Ausarbeitung auf einem so wenig elitären Bildträger eher zuwidergelaufen sein. Oskar Lenhart arbeitete sonst bevorzugt mit fotografischen Edeldruckverfahren wie etwa Gummidrucken. Vielleicht hat der dokumentarische Charakter der Fürsorge-Serie ihn dazu bewogen, die Bilder als Postkarten zu produzieren. Die Welt jedenfalls, die Oskar Lenhart in dieser Serie zeigt – und das tut er nicht zuletzt mit formalen Mitteln – ist eine geordnete Welt. Funktionierende Versorgung, Helferinnen und Helfer, Kinder, um die sich jemand kümmert. Die Fotopostkarten erzählen so auch von dem Bedürfnis nach einer Stabilisierung der Verhältnisse, die der Krieg ins Wanken gebracht hatte.

(ET)

Zurück