Januar 2014

Verlag des Vereins Südmark: Der Fehdebrief, Autotypie nach einem Aquarell von Karl Alexander Wilke mit einem Text von Ottokar Kernstock, gelaufen nach Graz, handschriftlich datiert auf 31.12.1913.

Verlag des Vereins Südmark: Der Fehdebrief, Autotypie nach einem Aquarell von Karl Alexander Wilke mit einem Text von Ottokar Kernstock, gelaufen nach Graz, handschriftlich datiert auf 31.12.1913.

1913/1914

Zum Jahreswechsel 1913/14 geht diese Karte an einen Grazer k.k.Obergerichtsrat. Ein „frohes Neujahr 1914“ wünscht der Schreibende „in alter Treue“. Der große Krieg, den das neue Jahr bringen wird, ist an diesem Silvestertag noch nicht in Reichweite, aber der Text von Ottokar Kernstock lässt die latente Kriegsbereitschaft einer von Nationalismen durchsetzten Gesellschaft mehr als deutlich werden: „Wir künden euch Fehde! Am Grenzwall hält / ein Kriegsgeschwader; und so’s euch gefällt / Die Stadt vor Verderben zu hüten - - - / heraus mit den Schlüsseln bis morgen früh“. Die Abbildung – bewaffnete Reiter vor den Toren – skandiert diese Drohgebärde visuell.

Verantwortlich für die Zirkulation solcher Botschaften zeichnet der Verlag des Vereins Südmark, eine der wichtigen meinungsmachenden Instanzen in der Monarchie. Er war 1889 gegründet worden und einschlägig aktiv, woimmer es um eine Stärkung des Deutschen, vor allem gegen das Slawische, ging – etwa in der wirtschaftlichen Unterstützung, aber auch Neuansiedelung deutschsprachiger Familien in den südlichen Kronländern. „Den Weg zum Südmeer bahnen“ war ab den Jahren 1911/12 eine unverhohlene Losung des Vereins. Bestens im Marketing, hatte die Südmark eine umfangreiche Warenpalette im Sortiment, die mit ihren Botschaften den Alltag infiltrierte: Seifen, Kerzen und Zündhölzer, Bleistifte, Tinte, Krawattennadeln, Briefpapier und Postkarten – letztere im großen Stil. Allein die Serie der „Kernstock-Karten“ ist bis mindestens zur Nr. 219 belegbar (eine genaue Zahlenangabe ist angesichts der als Einzelstücke flottierenden Karten nicht möglich), alle mit Zitaten aus dem umfangreichen Oeuvre von Ottokar Kernstock, Kleriker und Schriftsteller mit Herkunft aus dem heute slowenischen Marburg/ Maribor und einer der schärfsten Agitateure für die deutsche Sache – vor, im und nach dem Krieg.

Zeitgenössischen Widerspruch gegen Kernstock gab es nur bedingt. Karl Kraus etwa hat 1916 in der Fackel heftig dagegen Stellung bezogen, mit „dem ehrwürdigen Kernstock die Feinde [zu] dreschen“. Kernstocks kriegstreiberischer Einsatz wurde dennoch mehr als belohnt. Preise und Ehrungen in der Ersten Republik, er darf den Text der Bundeshymne  verfassen („Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde, wunderhold…“), und hat schließlich, nach seinem Tod im Jahr 1928, ein glanzvolles Nachleben im Nationalsozialismus. Noch 1968 provoziert eine kritische Glosse in der Kleinen Zeitung kollektive Entrüstung. „Wer ist dieser feige, haßerfüllte Kommunistenlümmel?“, fragt ein Leserbriefschreiber nach dem Journalisten, der es wagte, Kritik an Kernstock zu üben. Inzwischen hat Ottokar Kernstock an öffentlicher Relevanz verloren, sind seine nationalistischen Agitationen  historisiert – oder vergessen – worden. Dem Erinnerungsraum der Stadt aber ist er immer noch eingeschrieben: Auch heute noch gibt es in Graz eine Kernstockgasse.

(ET)

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