August 2015

Unbekannter Autor, Verlag Éditions de Lorraine: „François-Joseph“, Nr. 2 aus der Serie „Les monstres des cathédrales“, 2015, Lichtdruck, ungelaufen, Privatsammlung

Unbekannter Autor, Verlag Éditions de Lorraine: „François-Joseph“, Nr. 2 aus der Serie „Les monstres des cathédrales“, 2015, Lichtdruck, ungelaufen, Privatsammlung

Krieg der Postkarten

Fotomontagen und -collagen erlauben, Beziehungen zwischen Personen und/oder Dingen herzustellen, die in der Realität nichts miteinander zu tun haben. Doch nicht nur die Räume können in solchen Konstrukten aufgehoben sein, sondern auch die Zeiten spielen keine Rolle. In der Frühzeit der fotografisch illustrierten Postkarte erhoben sich gelegentlich Autos mit einmontierten Passagieren in den Himmel, um über architektonischen Sehenswürdigkeiten zu schweben. Mit solchen Ansichten meldeten sich Touristen bei den Daheimgebliebenen, um zu zeigen, wohin sie ihre Reise geführt hatte. Zugleich warben solche Karten für den Ferienort und seine Attraktionen.

 

Mit dem Zusammensetzen von zwei oder mehr Aufnahmen zu einem Bild wurden nicht nur positive Akzente gesetzt. In so genannten Scherzpostkarten machte man sich über alles und jeden lustig, über Außenseiter, Fremde, die Eigenarten einer Stadt, alltägliche Pannen und anderes mehr. Zwar enthielten politische Montagen in Friedenszeiten auch humorvolle Äußerungen, doch wenn man sich im Krieg befand, wurde der Feind scharf attackiert. Insofern unterschieden sich die Bildprodukte der beteiligten Länder nicht, wobei im Ersten Weltkrieg besonders die Regenten und Heerführer des Gegners im Zentrum bildlicher Angriffe standen.

 

In Frankreich wurde 1915, also vor genau einhundert Jahren, eine Serie unter dem Titel „Les monstres des cathédrales“ aufgelegt. Herausgeber der Postkarten waren die Éditions de Lorraine. Grundlage der Kombinationen bildete jeweils eine der Chimären auf der Pariser Kathedrale Notre Dame. Diese Figuren waren in den Jahren 1850 bis 1860 von dem Architekten Eugène Viollet-le-Duc entworfen und auf der Brüstung der Türme platziert worden. Nicht nur von manchen Künstlern, wie beispielsweise von Charles Meryon im Titel einer Radierung um 1852, sondern auch von der Bevölkerung wurden die Figuren als Vampire oder auch als Teufelsgestalten identifiziert.

 

In die Aufnahmen der Skulpturen war jeweils das Gesicht des deutschen Kaisers Wilhelm II. oder des Kronprinzen, des österreichischen Monarchen oder einiger Generäle karikaturhaft eingezeichnet und die Darstellung mit einem Kommentar versehen. Kaiser Franz Joseph figurierte als gefräßiges Ungeheuer, das auf Eroberung aus war und nicht genug bekommen konnte: „François-Joseph. Le sinistre vorace qui non content d’avoir étouffé la Bosnie, L’Herzégovine, le Trentin et Trieste voulait encore dévorer la Serbie.“ (Franz-Joseph. Der unheimliche Vielfraß, nicht zufrieden, Bosnien, Herzegowina, das Trentino und Triest unterdrückt zu haben, wollte überdies Serbien verschlingen.)

 

Timm Starl

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