Januar 2016

GL Co. [Gustav Liersch u. Co., Berlin]: „Mode 1909!!!“, Nr. 12 der Serie 2158, 13,3 x 8,5 cm, maschineller Originalabzug, Silbergelatine, gelaufen am 6. Mai 1909 von Wien nach Wien; Privatsammlung

GL Co. [Gustav Liersch u. Co., Berlin]: „Mode 1909!!!“, Nr. 12 der Serie 2158, 13,3 x 8,5 cm, maschineller Originalabzug, Silbergelatine, gelaufen am 6. Mai 1909 von Wien nach Wien; Privatsammlung

Mode 1909

Was hat den Berliner Verlag Gustav Liersch & Co. dazu bewegt, eine Serie von illustrierten Postkarten mit dem Titel „Mode 1909!!!“ zu veröffentlichen? Ausnahmslos handelt es sich um sogenannte Brustporträts, für die immer dasselbe Modell in unterschiedlicher Kleidung und Haltung posiert hat. Die junge Frau hat jeweils das Kleid beziehungsweise die Bluse gewechselt und einen anderen Hut aufgesetzt; in einer Aufnahme richtet sie das Gesicht zur Kamera, ohne ins Objektiv zu blicken; einmal ist das Profil von links, dann wieder von rechts zu sehen.

Man kann nicht behaupten, dass die Damenmode im Jahr 1909 eine unvermutete Wendung genommen hätte. Oder dass ein neuer Stil aufgekommen wäre oder eine außerordentliche Kreation die bisherige Entwicklung auf den Kopf gestellt hätte. Noch bewegten sich viele Frauen mit einem Korsett und waren dadurch zu einer Kreuzhohlstellung angehalten, hatte sich die Reformkleidung nicht entscheidend durchgesetzt.

Doch in den Jahren davor hatten sich bereits einige Änderungen abgezeichnet. Aus Paris kamen Entwürfe des Modeschöpfers Paul Poiret im Stil des Empire, zu dessen Kleidern kein Korsett mehr getragen werden musste. Oder man wählte eine zweigeteilte Version – mit Brustleibchen aus Fischbein und Hüftgürtel –, die größere Bewegungsfreiheit bot. So konnten sich die Frauen dieser Jahre immer stärker aufrichten, und zunehmend verschwand durch senkrecht verlaufende Rockbahnen vom Oberteil über die Taille weg die Verkrümmung des weiblichen Körpers, wie sie sich im Profil abzeichnete. Offener waren auch die Frisuren, indem die Haare nicht mehr hochgesteckt werden mussten, sondern an Fülle gewannen und sich rundum bauschen konnten. Entsprechend wurden dazu Hüte mit breiter Krempe getragen, die opulent mit Stoffblumen, Federgesteck oder einer Draperie aus dünnem Material ausgestattet waren. Man könnte sagen, dass in dem Maße die Kleidermode schlankere Figuren und eine schlichtere Silhouette hervorbrachte, fanden sich Gebilde mit mehr und mehr ausladendem Volumen auf den Köpfen der modischen Zeitgenossinnen.

Ob und inwieweit der Berliner Verlag diesen Tendenzen Ausdruck verleihen wollte und meinte, dass sich bereits eine endgültige Entwicklung abzeichnete, sei dahingestellt. Davon unabhängig kamen in dieser ersten Dekade des Jahrhunderts andere Modebilder in Umlauf. Nachdem das Pariser Atelier Reutlinger im Jahrzehnt davor erstmals Aufnahmen hergestellt hatte, die als Modefotografien den Weg in illustrierte Zeitschriften gefunden hatten, lösten diese sukzessive die grafischen Darstellungen ab. Immer mehr Wochenjournale brachten regelmäßig Modeseiten, und auch in Deutschland und Österreich begannen erste Ateliers, sich diesem Zweig zu widmen. Insofern reklamiert der Ausruf „Mode 1909!!!“ gewissermaßen das Genre für die Fotografie, auch wenn die Postkarte selbst späterhin nur ganz selten als Medium für modische Neuheiten fungieren sollte.

(Timm Starl)

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