November 2013

Verlag der Brüder Kohn, Wien: „Peter Rosegger“, Gelatinepapier, gelaufen von Wien nach Melk, Poststempel 23.9.1903, Privatsammlung

Verlag der Brüder Kohn, Wien: „Peter Rosegger“, Gelatinepapier, gelaufen von Wien nach Melk, Poststempel 23.9.1903, Privatsammlung

Porträt des Künstlers als junger Mann

Der Verlag der Brüder Kohn in Wien spezialisiert sich um 1900 auf Postkarten berühmter Persönlichkeiten  – eine Art Who is Who aus Kunst, Kultur und Politik. Peter Rosegger, den eine dieser Karten zeigt, ist zu dem Zeitpunkt 60 Jahre alt und entsprechend arriviert, um dieser Galerie der Zeitgenossen anzugehören, eine Instanz der öffentlichen Meinung, die in den kulturkritischen Debatten der Zeit zu allem und jedem befragt wird. Die Karte zeigt Rosegger aber nicht als 60jährigen, sondern als jungen Mann. Die Fotografie muss aus der Zeit um 1880 stammen, als der Thirtyssomething gerade in den bildungsbürgerlichen Zirkeln der steirischen Hauptstadt Fuß fasste. Entgegen der späteren Einordnung als „Heimatdichter“ war Rosegger enorm von seiner Sozialisation in einem urbanen Kontext geprägt. Auf der Aufnahme sind Pose und Habitus des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Bauernsohns bereits durch und durch bürgerlich, die feingliedrige Brille, Gilet, Sakko und Gehpelz firmieren als modische Zeichen, dass  man es sich leisten konnte. Die Karte zeigt den Schriftsteller als einen jungen Städter, als einen, der sich erfolgreich assimiliert hat.

Unterzeichnet hat Rosegger auf dem Bild aber nicht. Die Karte ist nicht als Autogrammkarte, sondern als Postkarte verwendet worden. Unterzeichnet hat vielmehr eine Mizzi, und die Karte geht an den Bruder, Schüler im Konvikt Melk. Fühlte sich die Schreiberin angesprochen von den bildungspolitischen Kontexten, in denen sich Rosegger engagierte, seiner Unterstützung des national gesinnten Deutschen Schulverein etwa? Wählte sie deshalb sein Porträt für den Gymnasiasten aus? Wir wissen es nicht. Mit keinem Wort erwähnt sie den berühmten Schriftsteller, den ihre Handschrift hartnäckig einkreist, während sie an den erkrankten Bruder schreibt: „bin sehr besorgt, bitte schreibe sogleich wie es dir geht. Warst du beim Arzt? Bist du im Krankenzimmer?“

Dass auf dem Genre Dichterporträt, dessen auratische Inszenierungen Roland Barthes analysiert hat, solche geradezu „häretischen“, weil  alltäglichen Texte  möglich werden, hat medienhistorische Gründe. Bis kurz vor der Jahrhundertwende hatte es Prominentenporträts für ein breites Publikum vor allem als aufkaschierte Fotografien im Carte-de-visite- oder Cabinet-Format gegeben, die man sich manchmal auf der Rückseite von den Dargestellten widmen oder mit einer Unterschrift versehen ließ. Um 1900 trat die Postkarte als Bildträger die Nachfolge dieser Formate an. Damit konnte man solche Bilder nun auch einfach als Postkarten verwenden – und das Porträt des Dichterfürsten mit Alltagskommunikation füllen. Es ist einer der faszinierendsten Aspekte an Postkarten, wie eigenwillig sie angeeignet werden konnten – auch gegen ihre intendierten Lesarten: „Woher kommt das Kopfweh?“, steht sehr profan unter dem Schriftstellerporträt, „ Vom Magen?“

 

(ET)

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