April 2019

Anonym (Eigenverlag), Mikroskopische Aufnahme eines Wasserflohs, nach 1893, Glanzkollodium, ungelaufen, Photoinstitut Bonartes.

Anonym (Eigenverlag), Mikroskopische Aufnahme eines Wasserflohs, nach 1893, Glanzkollodium, ungelaufen, Photoinstitut Bonartes.

Kleine Bestien

Um 1840 tourte der Berliner Physiker Carl Schuh mit seinem „Hydro-Oxygen-Gas-Mikroskop“ durchs Land und hielt damals so bezeichnete Experimentalvorstellungen, in deren Rahmen er in großen Hörsälen mikroskopische Objekte an die Wand projizierte. Dabei offenbarten die Projektionen etwa von Wassertropfen beeindruckende Einblicke in quirlige Wandbiotope winziger Lebewesen und lösten beim Publikum neben Begeisterungsstürmen auch so manche Panikattacke aus. Ungefähr zur selben Zeit stellte William Henry Fox Talbot in Großbritannien mit Kalotypienegativen und Salzpapieren Versuche an, um die so entstandenen Bilder haltbar zu machen. In Wien hingegen erlangte Andreas Ritter von Ettingshausen durch die Erzeugung der ersten Mikroskopaufnahme auf einer Daguerreotypieplatte internationale Beachtung. Diese beiden Techniken ließen sich allerdings nur schwer oder gar nicht reproduzieren. Erst Albuminabzüge nach dem nassen Kollodiumverfahren machten ab Mitte der 1850er Jahre Vervielfältigung und Produktion größerer Formate möglich, die naturgetreue Darstellung von Farben indes immer noch nicht. Die Wissenschaftskreise zeigten sich ob dieser Unzulänglichkeiten zunächst wenig beeindruckt von den fotografischen Verfahren und zogen deshalb weiterhin Zeichnungen als Anschauungsmaterial vor.

Kinoartige Darbietung, wie sie auch Schuh anbot, hingegen waren in sämtlichen Kreisen beliebt und fanden immer wieder Eingang in die Feuilletons: „Zu den reinsten Freuden, zu den wirksamsten Mitteln wahrer Bildung des Menschen, gehört unstrittig ein tieferes Eindringen in die Natur, ein näheres Erkennen ihrer Formen und Gesetze. (…) es eröffnen sich hiermit für die Wissenschaft Aussichten, welche man vor wenigen Jahren noch in das Gebiet phantastischer Träume verwiesen haben würde.“ [Der Adler, 2.6.1840]. Ein berühmter Augenzeuge, der Schriftsteller Georg Büchner, verbrachte nach eigenen Angaben so viel Zeit wie möglich am entgeltlichen Sonnen-Mikroskop im Café Fraudel und schien die Investition nicht zu bereuen, denn er „habe dadurch einen Sinn und eine Aufmerksamkeit für alle kleinen Geschöpfe und Bestien dieser Welt gewonnen.“

Öffentliche Vorstellungen machten die Mikroskopie populär, doch erst das Fortschreiten der Technik im Bereich der Optik und der mikroskopischen fotografischen Verfahren ab den 1880er Jahren ebnete den Weg für kostengünstige Produktionsmethoden, die ihren Einsatz auch für Amateure interessant machte. Die vorliegende Karte mit dem Sujet eines Wasserflohs entstand beispielsweise nach 1893, als die Verwendung von Glanzkollodium Auskopierpapier bereits möglich war. Diese Technik zur Erzeugung eines Positivs zeichnet sich durch den Braunstich in den schwarzen Farbtönen aus und verblasst kaum. Auf mechanische Einwirkungen reagieren Glanzkollodiumabzüge aber überaus empfindlich, weshalb es sich bei mit dieser Technik gefertigten Postkarten meist um Kleinauflagen für den privaten Gebrauch handelt. Generell waren Karten mit mikroskopischen Aufnahmen eher selten. Bei der Gestaltung von Postkarten gingen die Hersteller vielmehr den entgegengesetzten Weg, indem sie auf Mehrbild- Ansichtskarten starke Verkleinerungen von möglichst vielen Bildmotiven anordneten, sodass für die Betrachtung ein Vergrößerungsglas notwendig war: unter Sammlerinnen und Sammlern als Mikroskop-Karten bekannt.

(Martin Keckeis)

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