September 2013

Anonym, „Gruss aus Adelsberg. Pozdrav iz Postojne“, Lithographie, gelaufen 1897 nach Graz, Poststempel 13. und 14.9.1897, GrazMuseum ASK05/00029

Anonym, „Gruss aus Adelsberg. Pozdrav iz Postojne“, Lithographie, gelaufen 1897 nach Graz, Poststempel 13. und 14.9.1897, GrazMuseum ASK05/00029

Pozdrav iz Postojne

„Regen, Gegenwind, Gelsenstiche (ca. 30 Stück)“, so lautet der Reisebericht aus Adelsberg/ Postojne an das Fräulein Mizzi Stowasser in Graz. Eine Radtour womöglich, unternommen am 13. September 1897 in den nahen zweisprachigen Teil der Steiermark? Der Schreibende jedenfalls ist deutschsprachig. Mit violettem Farbstift hat er nicht nur Grüße auf die Karte geschrieben, sondern auch mit Nachdruck (der Stift hat sich bis auf die Adress-Seite durchgedrückt) einen Teil der Aufschrift durchgestrichen: den slowenischen Ortsnamen.

Wie viele andere aus der so genannten Untersteiermark verschickte Postkarten trägt die Karte Spuren eines Sprachenkonflikts. Seit den 1880er Jahren hatte sich das ehedem selbstverständliche Zusammenleben der beiden Sprachgruppen im südlichen Teil des Kronlandes Steiermark schrittweise verschlechtert und war um die Jahrhundertwende weitgehend von nationaler Agitation bestimmt. Die Deutschsprachigen nannten sich „Sprachgrenzdeutsche“, verstanden sich als „Bollwerk“ gegen das Slawentum. In der Geschichte dieses Konflikts liefern Postkarten versprengte Fragmente, Bruchstücke, die von der zusehenden nationalen Eskalation zeugen, aber auch die genuine Zweisprachigkeit der Region vor Augen führen. Um die Jahrhundertwende gibt es noch zahlreiche zweisprachige Karten, weniger in den Städten, deren deutsche Prägung zu dominant war, aber in kleineren Orten und an touristischen Anziehungspunkten, wie auch die Adelsberger Grotte mit ihren ausgedehnten Tropfsteinhöhlen einer war. Nicht immer sind die vorgedruckten Grüße durchgestrichen worden. Doch in vielen Fällen geben die Postkarten von damals Hinweise auf ein Selbstverständnis der Schreibenden, das von der Überzeugung kultureller Überlegenheit, von der folgenreichen Infiltrierung durch nationale Ideologie zeugt.  

Nach 1918, mit der politischen Zäsur und dem Entstehen des Königreichs Jugoslawien wird sich das Blatt wenden. Nun lassen die slowenischen Verleger oder Verkäufer Gummistempel anfertigen, um die deutschen Ortsnamen auf allen Postkarten, die sie noch auf Lager haben, zu überdrucken. Für kurze Zeit sind die Aufschriften nun slowenisch. Mit der Okkupation durch Hitler-Deutschland sollten die deutschen Ortsnamen jedoch abermals wiederkehren, nun keinesfalls mehr als Teil zweisprachiger Aufschriften. Die sprachlichen Säuberungen gingen den ethnischen nur voraus. Heute ist die Sprachgrenze, nicht nur auf Postkarten, von schauriger Eindeutigkeit.

(ET)

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