September 2016

Edition J. Bouveret in Le Mans : Rêves Rosés, um 1915, Chromolithografie, ungelaufen, Sammlung Mila Moschik

Edition J. Bouveret in Le Mans : Rêves Rosés, um 1915, Chromolithografie, ungelaufen, Sammlung Mila Moschik

Rêves Rosés

Diese Karikatur stellt einen Traum Kaiser Wilhelms II. dar. Es ist eine französische Antipropaganda-Karte aus dem Ersten Weltkrieg, die in der Edition J. Bouveret in Le Mans um 1915 erschien. Die Erklärung zum Bild „Rêves Rosés – vingt millards... Algérie… Tunisie... Maroc... Entrée à Paris... Flotte britannique anéantie... Debarquement en Angleterre... Russie demande grâce... Le monde est à moi... Etc.“ wird unten eingeblendet. Der deutsche Kaiser hat rosige Träume von der Eroberung Algeriens, Tunesiens, Marokkos und Frankreichs, der Zerstörung der englischen Flotte, einem Russland, das um Gnade bittet – kurzum von einer Welt, die ihm gehört.

Im Hintergrund sieht man Soldaten mit preussischen Pickelhauben, die Paris bombardieren. Auf Wilhelm II. steht Kaiser Franz Joseph, der den Kopf des russischen Zaren in der Hand hält. In all dem Grauen greift Wilhem II. nach dem Geld und zieht es fest an sich. Viele gut durchdachte Details verstärken die emotionale Wirkung des Bildes. Die Szene wird von einem Blutrot beherrscht. Das vertraute Heim ist aufgerissen, und die Schrecken des Krieges werden sichtbar. Die Ölzweige als Symbol des Friedens liegen am Boden, und der Lampenfuß nimmt die Form einer Granate an.

Die Karte kommentiert den Ausbruch des Ersten Weltkriegs durch die Interessenlage der Großmacht Deutschland aus der Perspektive der französisch-russischen Allianz. Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, das sich zuvor die Rückendeckung des Deutschen Kaiserreichs gesichert hatte. Serbien wurde durch Russland und Frankreich unterstützt. Innerhalb weniger Tage war der lokale Konflikt zu einem Kontinentalkrieg geworden. Speziell in Italien und Frankreich erschienen hunderte von Propagandakarten, welche die Schwächen und Interessen von Österreich und Deutschland in der Karikatur darstellten. Kaiser Franz Joseph wird meistens als schwache, kleine Marionette von Kaiser Wilhelm vorgeführt.

Die Vorderseite der Karte besitzt einen Adressaufdruck, der jedoch mit der Werbung des fotografischen Ateliers, Druckerei und Verlages J. Bouveret überdruckt wurde. Es wird mit elektrischer Beleuchtung und flexiblen Besuchszeiten geworben. Der Verlag Bouveret war auf Ansichtskarten aus Frankreich spezialisiert und verlegte ab 1914 Kriegspostkarten. Meistens handelte es sich dabei um Phototypien nach Fotografien. Die Herausgabe einer solchen Werbekarte musste als besonders vorteilhaft erscheinen, weil der Verlag sich als eindeutiger politischer Gleichgesinnter seiner Klientel positionierte. Im Gegensatz zu den billig hergestellten, schwarz-weißen Ansichtskarten, handelt es sich bei dieser politischen Karte um eine aufwendig gestaltete, mehrfarbige Lithographie, die vom Verlag in Auftrag gegeben worden ist. Es ist die erste von sechs Karten der Serie „artistic caricatures“. Abgesehen von der politischen Aussage und dem Werbeeffekt konnte die Rückseite auch als Kalender verwendet werden.

 

Mila Moschik

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