Juli 2014

o.A.: Werbekarte für die Ausstellung „Der Mensch“ in Darmstadt, 1912, Lichtdruck (braun), gelaufen von Darmstadt nach Wien, Poststempel 8.9.1912, Privatsammlung

o.A.: Werbekarte für die Ausstellung „Der Mensch“ in Darmstadt, 1912, Lichtdruck (braun), gelaufen von Darmstadt nach Wien, Poststempel 8.9.1912, Privatsammlung

„Sehr interessante Ausstellung“

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren die Menschen sensibler geworden für die Beeinträchtigungen der Gesundheit durch schlechte Wohn- und Arbeitsbedingungen. Die zunehmende Beschleunigung im Alltag infolge erhöhten Verkehrs und sich ausweitender Kommunikation führte zu einer allgemein verbreiteten Nervosität. Industrialisierung und Urbanisierung hatten überdies zur Folge, dass viele Bedürfnisse nicht befriedigt werden konnten. All dem versuchten mannigfache lebensreformerische Bestrebungen zu begegnen. Dazu zählten Vegetarismus und Nikotinfeindschaft, Naturheilkunde und Freilichtkultur, Gymnastik und Reformmode, Siedlungsbewegung und Ausflüge ins Grüne. So legte beispielsweise der Herr die Halsbinde und den steifen Rockkragen ab, verzichtete die Frau auf Schnürleib und Korsett, nahmen beide leichte Kleidung und bequemes Schuhwerk und suchten am Wochenende Erholung in der Umgebung der Stadt.

 

Das Schlagwort der Lebensreformbewegung hieß Hygiene, und eine umfangreiche Literatur referierte über Möglichkeiten zur Erhaltung und Förderung der Gesundheit. Eine groß angelegte Ausstellung verwies auf die möglichen öffentlichen und individuellen Maßnahmen und stieß auf enormes Interesse. Die erste „Internationale Hygiene-Ausstellung“ wurde im Mai 1911 in Dresden eröffnet und zählte in sechs Monaten mehr als fünf Millionen Besucher. Auf den 325.000 Quadratmetern Fläche und in 99 Pavillons wurden sämtliche Bereiche des Lebens behandelt. Den meisten Zuspruch erfuhr die Abteilung „Der Mensch“, die als gesonderte Präsentation im Jahr darauf von August bis Oktober in Darmstadt Station machte. Geworben wurde dort neben einem Plakat nach dem Entwurf von Franz von Stuck unter anderem mit einer Serie von illustrierten Postkarten, die mit unterschiedlichen Motiven auf Aspekte der Schau hinweisen.

 

Die vorliegende Karte enthält Wiedergaben von zwei fotografischen Aufnahmen einer Frau, die einen Park aufgesucht hat. Bevor sie sich auf einer Bank niederlässt, säubert sie die Sitzfläche mit einem Taschentuch, das sie wenig später dazu verwendet, sich im Gesicht zu abzuwischen. In den Bildunterschriften wird die mangelnde Reinlichkeit kritisiert. Zur linken Abbildung heißt es: „Missbrauch des Taschentuchs als Staubbesen, – eine verbreitete Unsitte. –“ Das nebenstehende Bild ist unterschrieben mit: „Im nächsten Augenblick wird dasselbe Taschentuch zum Abwischen von Nase und Mund genommen, – sehr appetitlich!“ Ob solche Bildkonfrontationen den Absender der Karte beeindruckt haben, wissen wir nicht, wohl aber dass ihm die Veranstaltung gefallen hat, denn er teilt nach Wien mit: „Sehr interessante Ausstellung“.

 

Ein solcher Einsatz von Bildern war in dieser Zeit zu einem häufig verwendeten Mittel der Erläuterung und Belehrung avanciert. Dabei wurden jeweils zwei oder mehr Bilder gegenübergestellt und gleichsam mit erhobenem Zeigefinger bestimmte Handlungsweisen empfohlen oder von anderen abgeraten. Insbesondere auch im Bereich des Heimatschutzes und des Schaffens von Wohnraum verwendeten Autoren gerne Bildmaterial, das unterschiedliche Zustände zeigt. Der Architekt und Reformer Paul Schultze-Naumburg bediente sich in seinen Kulturarbeiten, die von 1901 bis 1917 als Bücher erschienen, mit Vorliebe solcher Beweisführungen, indem er gute und schlechte Lösungen nebeneinander stellte oder Veränderungen vor oder nach einem Eingriff deutlich machte. Die schulmeisterliche Attitüde wirkt heute ein wenig seltsam, doch damals wurde eine solche Form der Argumentation als durchaus angemessen empfunden.

 

Timm Starl

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