Juli 2013

C.y Z., Barcelona, ohne Titel, ungelaufen, Offsetdruck, um 1960, Sammlung Trude Lukacsek

C.y Z., Barcelona, ohne Titel, ungelaufen, Offsetdruck, um 1960, Sammlung Trude Lukacsek

Sommer, Sonne, Serpentine

Der nördlichste Zipfel Mallorcas ist eine felsige und karge Gegend, deren Entdeckung als Naturlandschaft und touristisches Ziel erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann. War das Gebiet lange nur über Eselspfade oder mit dem Schiff erreichbar gewesen, so entstand in den 1930er Jahren im Zuge forcierten Straßenbaus auch die spektakuläre Straße an der Nordküste, die auf der Karte zu sehen ist. Über 12,5 Kilometer lang verläuft sie in engen, zum Teil virtuos konstruierten Serpentinen. Es war weniger ihre verkehrstechnische Funktion (ursprünglich führte die Straße zu einem 32 Einwohner zählenden Fischerdorf) als die Erschließungsleistung selbst, die Bezwingung der rauen Naturlandschaft durch kühne Ingenieurskunst, die in der Folge zu einer touristischen Attraktion werden sollte. Nicht von ungefähr sind die zahlreichen Aussichtsterrassen und „Photopunkte“, die den Blick auf das Cap Formentor freigeben, in der Folge auch auf Postkarten in Umlauf gekommen.

 

Manchmal, so wie hier, gerät eine Person ins Bild. Es sind nicht die vormals auf Postkarten so beliebten „Einheimischen“ mit den Insignien ihrer authentischen Lebensweise, die sich dem Betrachter darbieten. Es ist ganz augenscheinlich eine Touristin, modisch, aber völlig inadäquat gekleidet (wie mag sie mit den weißen Plateau-Sandalen auf ihren Aussichtsfelsen hinauf gekommen sein?), fremd in der Landschaft, aber farblich verschmelzend mit dem Blau des Meeres und der staubhellen Straße. Wie einen Bestandteil des natürlichen Farbspektrums hat sie der Kolorateur ins Bild eingefügt, als hätte sie immer schon so da gesessen. Ihre Funktion ist zunächst die einer Requisite, die dem bühnenhaften Bildausschnitt als Vordergrund dient. Zugleich aber posiert sie, wie das auf Postkarten so oft der Fall ist, selbst als Schauende. Den Blick vom Betrachter der Karte abgewandt, das Gesicht unter dem breiten Sommerhut verborgen, verdoppelt sie seinen Blick auf die Landschaft – auf eine technisch erschlossene Landschaft, in der sich industrie- und naturästhetische Perspektiven verschränken. Die Sichtverbindung von Serpentine und Cap, die wie gespiegelte Elemente im Zentrum des Bildes stehen, erzählt von der Technisierung des modernen Landschaftskonsums – eines Landschaftskonsums, der nicht zuletzt über Postkarten seine massenwirksame Verbreitung gefunden hat.  

 

(ET)

 

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