Februar 2014

Unbekannter Fotograf, ohne Verlagsangabe: „Gruss aus Retz, N.Oest.“, „Correspondenz-Karte“ mit zwei Abbildungen, Lichtdruck, gelaufen von Retz nach Hollabrunn, Poststempel 20.6.1901, Sammlung Othmar Tiefenbacher, Obernalb

Unbekannter Fotograf, ohne Verlagsangabe: „Gruss aus Retz, N.Oest.“, „Correspondenz-Karte“ mit zwei Abbildungen, Lichtdruck, gelaufen von Retz nach Hollabrunn, Poststempel 20.6.1901, Sammlung Othmar Tiefenbacher, Obernalb

Topografische Ansichten

Indem Verkehrs- und Wanderwege mit abgebildet sind, erfüllt die vorliegende Postkarte eine zweifache Funktion. Sie präsentiert mit der „Warte beim Wetterkreuz“ nicht nur die Ansicht eines beliebten Ausflugsziels, sondern liefert zudem eine Darstellung, die erkennen lässt, wo sich diese Warte befindet und welche Routen dorthin führen beziehungsweise welche Touren von dort aus möglich sind. Es handelt sich also um eine Karte im doppelten Wortsinn: Sie ist zugleich Landkarte und Ansichtskarte, die ebenso Orientierung bietet, wie sie einen markanten Punkt in der Landschaft hervorhebt. Die Technik des Lichtdrucks, dem in der Produktion illustrierter Postkarten um 1900 der Vorrang vor anderen Druckverfahren eingeräumt wurde, ermöglichte nebeneinander grafische und fotografische Darstellungen. Die Verzierungen mit gezeichneten Blumen, der Druck der Beschriftung in Rot und die Verwendung eines farbigen Kartons gewährleisteten ein gefälliges Ensemble.

 

Daneben steht die Grußkarte für die besonderen Beziehungen der Kartografie zur Fotografie, die nämlich erheblich enger sind als zu anderen Medien und entsprechend vielfältig. Sie beschränken sich nicht darauf, dass beide auf eine bildliche Konstruktion der Welt ausgerichtet sind, indem räumliche Informationen in verkleinerte, flächige Modelle umgesetzt werden. Sondern zur Vermessung der Räume bedarf es ebenso fotografischer Verfahren wie zur Wiedergabe und Vervielfältigung der Karten und Pläne. Erst die Mitte des 19. Jahrhunderts aufgekommene und in den 1880er und 90er Jahren weiter entwickelte Fotogrammetrie sowie die im gleichen Zeitraum vorgenommenen Verbesserungen der fotografischen Wiedergabetechniken für Landkarten ermöglichten jene Genauigkeit der Darstellung, die heute selbstverständlich erscheint.

 

Unterschiedlich ist allerdings die visuelle Auffassung der topografischen Gegebenheiten: Landkarten und Stadtpläne imaginieren den Blick von oben, während die grafischen wie die fotografischen Veduten – sieht man von Luftaufnahmen ab – jeweils eine mehr oder weniger horizontale Perspektive eröffnen. Identisch sind beide Darstellungen jedoch im Hinblick auf ihre Zeitlichkeit: Sie sind veraltet, sobald man ihrer ansichtig wird. Denn es handelt sich jeweils um Momentaufnahmen, die lediglich einen bestimmten, nur begrenzt geltenden Status wiedergeben. Die Dinge vor der Fotokamera haben sich unter Umständen bewegt und befinden sich nicht mehr an derselben Stelle oder haben ihre Form verändert. Und zwischen dem Zeitpunkt der Entstehung der Landkarte und deren späterer Betrachtung können sich gleichfalls Veränderungen ergeben haben. Nach einem Unwetter hat sich der Lauf des Flusses geändert, ein Wald wurde gerodet, Häuser wurden abgetragen. Dies bildet die besondere Differenz, die zwischen der Aktualität des Realen und der Betrachtung des Bildes liegt. Wir blicken immer auf etwas Vergangenes, wenn wir Landkarten und Stadtpläne oder auch Fotografien betrachten. Nur bei großer Entfernung (im Foto) und erheblicher Verkleinerung (in der Karte) bleiben zahlreiche Veränderungen unsichtbar. Der große Maßstab der Karten entspricht der Langzeitbelichtung in der Fotografie – was sich bewegt hat, ist im Bild verschwunden oder hat seine ursprüngliche Gestalt aufgegeben.

(TS)

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