März 2013

„Gruss aus Graz. Franz Joseph Brunnen, Stadtpark“, Verlag Müller und Trüb, Aarau, gelaufen von Graz nach Salloch/ Zalog (Krain), Poststempel 24. 7. 1900, Chromolithographie, GrazMuseum STM ASK 05/00004: „Stadtpark“.

„Gruss aus Graz. Franz Joseph Brunnen, Stadtpark“, Verlag Müller und Trüb, Aarau, gelaufen von Graz nach Salloch/ Zalog (Krain), Poststempel 24. 7. 1900, Chromolithographie, GrazMuseum STM ASK 05/00004: „Stadtpark“.

Vorderseiten und Rückseiten

Was ist eigentlich die Vorderseite einer Postkarte? Die Antwort scheint klar - als vorne gilt, wie bei den allermeisten anderen visuellen Medien, das Bild. Wer würde auch die schicke Gesellschaft im Grazer Stadtpark, über die sich, nebenbei gesagt, ein Modell bürgerlichen Freizeitverhaltens um 1900 kommuniziert, nicht für die wesentliche, vorrangige Seite der Postkarte halten? Historisch betrachtet ist dieser Sprachgebrauch jedoch falsch. Es war der reibungslosen „Manipulierbarkeit“ im postalischen Betrieb geschuldet, dass nicht die Bilder, sondern die Daten als Vorderseite der Postkarte angesehen worden sind: „Nur für die Adresse/ Reservé exclusivement à l’adresse“ steht in roten Lettern, wie eine Regieanweisung, auf dem Karton: Die Vorderseite der Postkarte war bis 1904 ausschließlich der Adresse vorbehalten. Auch die Bezeichnungspflicht, die Nennung des Weltpostvereins, die strichlierten Linien und Vordrucke verweisen auf den bürokratischen Kontext, aus dem die Postkarte – neben allen anderen Vorläufermedien – auch kommt.

Diese Herkunft hat sich wesentlich in die Illustrationsgeschichte der Postkarte eingeschrieben. Bis zur Teilung der Adress-Seite mussten Layout-Lösungen gefunden werden, um neben den Bildelementen auch Platz für handschriftliche Mitteilungen zu schaffen. So wie hier: Das gezeichnete Ensemble, reproduziert im aufwändigen, vergleichsweise teuren Verfahren der Chromolithographie, definiert in seinem Verlauf ein Schreibfeld: Unter dem Vordruck „Gruss aus Graz“ kann sich der Schreibende in die verbliebene Leerstelle eintragen. Ein Eselsohr, gleich neben der Dame im roten Kleid, weist auf die Materialität des Papiers hin: Hier endet die visuelle Darstellung, wechselt man auf die Ebene der Mitteilung. Solche Bild-Schrift-Kombinationen sind zentrale Gestaltungsmuster, bevor die Postkarte 1904 ihre heutige Erscheinungsform erhält. Danach erst werden kartenfüllende Illustrationen zur Norm. Und kaum jemand wird sich später noch daran erinnern, dass Postkartenbilder eigentlich Rückseiten sind.

(ET)

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