November 2018

Brüder Kohn Wien I.: Wiener Theater Lieblinge, um 1918, Silbergelatinepapier, ungelaufen; Photoinstitut Bonartes.

Brüder Kohn Wien I.: Wiener Theater Lieblinge, um 1918, Silbergelatinepapier, ungelaufen; Photoinstitut Bonartes.

Die Lieblinge des Sekretärs

Über hundert Schauspielerinnen und Schauspieler finden in einer Collage mit dem Titel „Wiener Theater Lieblinge” als bunt zusammengewürfelte Miniporträts auf der Bildseite der vorliegenden Postkarte Platz. Abgebildet sind – nur um welche der Bekanntesten zu nennen – unter anderen Alexander Girardi und Josef Jarno oder Katharina Schratt und Hedwig Bleibtreu.

Herausgegeben wurde die Karte vom Postkartenverlag der Brüder Kohn in Wien, der 1898 von Adolf, Alfred und Salomon Kohn gegründet worden war und mehrere Filialen und Verkaufslokale in Wien unterhielt. Getreu dem Motto des Unternehmens „Bediene dich selbst“ konnten die Kunden darin unter unzähligen Motiven für Postkarten wählen und auch drucken lassen.

Für die Zusammenstellung der Wiener Theaterlieblinge zeichnete in der Person von Sekretär Loewe ein renommierter Kenner der Theaterszene verantwortlich. Er war in leitender Position in der Administration des Carl Theaters in Leopoldstadt tätig und dort als „wichtige Säule des Hauses“ überdies für die Erstellung der hauseigenen Publikationen zuständig, wobei er auch eine Chronik über das Theater selbst in Vorbereitung hatte. Diese Arbeit musste aber auf Grund seiner Einberufung zum Kriegsdienst 1914 im Zuge der allgemeinen Mobilisierung, der auch zahlreiche Theatermitglieder Folge leisten mussten, ruhend gestellt werden.

Die Wirren des Ersten Weltkrieges sorgten in den Theatern Europas für einen unübersehbaren Umbruch nicht nur betreffend des Programms – im Herbst 1914 waren zur Eröffnung der Saison beinahe überall nur improvisierte Kriegsspielpläne in Anwendung –, sondern auch betreffend der Praktiken des kulturellen Austausches. Auf die Zeit eines aktiven internationalen Umlaufs mit Tourneen von Schauspielstars und erfolgreichen Bühnenstücken folgten Diskurse der Propaganda und Mobilisierung mit inhaltlicher Betonung von kulturellen Gegensätzlichkeiten und nationalen Stereotypen. Entgegen aller Annahmen waren die Kriegsjahre dennoch keine Krisenjahre für die Spielstätten, denn die Bevölkerung sehnte sich gequält vom leidvollen und schwierigen Alltag nach einem Zufluchtsort, der momentanes Vergnügen und augenblickliche Reize bieten konnte. Damit war den Spielenden noch mehr als sonst ein hoher Stellenwert in der städtischen Kultur sicher, und die Theaterlieblinge erlebten enormen Zuspruch des Publikums.

So wurde unter anderen das Lebenswerk von einem der bekanntesten in der Riege der Abgebildeten, Alexander Girardi, im Mai 1926 posthum zusätzlich durch die Errichtung eines Denkmals beim Wiener Karlsplatz im heutigen Girardi-Park gewürdigt. Anlässlich der Einweihung wurde auch eine Ausstellung im damaligen Warenhaus Herzmansky in der Mariahilfer Straße mit hunderten Exponaten, darunter zahlreiche Fotografien von Girardis Bühnenrollen, eröffnet.

Martin Keckeis

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