Februar 2017

Paul Bayer, Dresden: Moderne Galerie: Blauer Montag von I. Kaufmann, Seriennr. B 220, um 1900, Lichtdruck, ungelaufen, Privatsammlung.

Paul Bayer, Dresden: Moderne Galerie: Blauer Montag von I. Kaufmann, Seriennr. B 220, um 1900, Lichtdruck, ungelaufen, Privatsammlung.

Blauer Montag

Das Motiv der Karte zeigt eine Frau, die wohl ihren Mann zur (Wieder)aufnahme seiner Arbeit bewegen will. Dieser aber kann sich auf Grund seiner offensichtlichen Berauschung gerade einmal sitzend auf seinem Stuhl halten und denkt eher nicht daran, der Aufforderung Folge zu leisten. Nicht nur eine genauere Betrachtung der Räumlichkeiten erlaubt den Schluss, dass es sich bei dem Mann um einen Schuster handelt. Die Postkarte wurde vom Postkartenverlag Paul Bayer in Dresden als Reproduktion des Ölgemäldes „Der Schuhmacher“ von Isidor Kaufmann – einem bekannten Schöpfer von Genrebildern mit sozialen Themen und Darstellungen aus dem jüdischen Volksleben –  in Form eines Lichtdrucks aufgelegt und innerhalb der Serie „Moderne Galerie“ unter dem Titel „Blauer Montag“ vertrieben.

Noch vor 1900 erlebte das Medium Postkarte einen quantitativen Schub durch die Anwendung fotomechanischer Reproduktionstechniken und sorgte für ein massenhaftes Auftreten von Bildmotiven mit zunächst topografischen Ansichten, Veduten und dergleichen. Durch weitere Individualisierung der Bildmotive –  angefangen von Produktreklamen und Prominentenporträts über Genredarstellungen und Glückwünsche bis hin zu Mode –  fanden eben auch Kunstreproduktionen den Weg auf die Bildseiten zahlreicher Postkarten. Kunstverlage wie jener von Paul Bayer schufen ganze Serien von Karten mit Wiedergaben bekannter Gemälde aus diversen Sammlungen der Nation. Ihnen wurde damit eine wichtige Rolle in der Vermittlung und Verbreitung des nationalen kulturellen Erbes bis über die Grenzen hinaus zuteil. Der Verlag war spezialisiert auf Künstler- und Poesiepostkarten, teilweise wurden in Folgeserien auch bekannte Gemälde mit nicht weniger bekannten, thematisch passenden Gedichten kombiniert. In einer Reklame von 1899 hatte Paul Bayer schon 83 Sammlungen zu je 10 Karten im „Carton“ anzubieten und war gleichzeitig zum Ausbau seines Vertriebs auf der Suche nach „Agenten und Provisionsreisenden“.

Die vorliegende ungelaufene Karte entstand vor der Ende 1904 erfolgten Aufteilung (der Adressseite) in Adress- und Mitteilungsfeld und bietet nur auf der Bildseite Raum für persönliche Nachrichten. Dass sie vom Verleger neu betitelt wurde, spricht für eine pointierte Überlieferung der dargestellten Thematik in die Scherzkultur, wurde damit doch die allseits gängige Assoziation der Farbe Blau mit Trunkenheit befördert. Zusätzlich zu dieser gewagten ‚Geschichtsfälschung‘ ließ er den Lichtdruck in einem Blauton produzieren.

Die allgemeine Trunkenheit entspricht aber nur einer der möglichen Herleitungen für den Ausdruck „Blauer Montag“, nämlich im Sinne von „blau machen“, was hier auf die damals gängige Praxis beim Blaufärben zurückzuführen ist. Dabei wurde der Farbstoff des Indigoblau in unseren Breiten aus dem sogenannten Färberwaid gewonnen, indem Stoffe in Bottichen – angefüllt mit Waidblättern und bedeckt mit menschlichem Urin –  der Sonne ausgesetzt wurden. Besonders geeignet dafür war laut alten Rezepten der Urin von Männern, die viel Alkohol getrunken hatten. Da sich die so behandelten Stoffe erst bei Trocknung an der Sonne blau färbten, hatten die teilweise noch angetrunkenen Färber Zeit, einige Stunden in der Sonne zu liegen und „blau zu machen“. Andere Erklärungen sehen die lange Oxidationszeit, die für die Blaufärbung von Nöten war, als Ursache für den freien oder „blauen“ Montag, da die samstags gefärbten Stoffe am Sonntag bis weit in den Montag hinein hängen mussten. Wiederum andere mögliche Erklärungen greifen auf den Umstand zurück, dass in manchen Gewerben wie der Schneiderei oder dem Schusterhandwerk der Sonntag als regulärer Arbeitstag angesehen wurde, und der Montag zur Entlastung freigenommen wurde. Hier wurde auch eher vom „guten“ Montag als Vorläufer von Urlaub gesprochen und die Farbe Blau fand wahrscheinlich über die allen gemeinsame blaue Arbeitskleidung Eingang in den Sprachgebrauch. Aus der Darstellung des Malers Isidor Kaufmann könnte man durchaus ableiten, dass wohl auch er die Assoziation mit Alkohol für prononcierter hielt.

Martin Keckeis

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