Januar 2018

Unbekannt, Frauenporträt „Sidoni“, Bromsilberabzug, um 1905, ungelaufen; Privatsammlung

Unbekannt, Frauenporträt „Sidoni“, Bromsilberabzug, um 1905, ungelaufen; Privatsammlung

Die Eine von vielen

Die Fotopostkarte war einmal ein beliebtes und weit verbreitetes Medium, um sein eigenes Bildnis zu verschenken, zu verschicken oder auch als Erinnerung aufzubewahren. Während Karten mit Porträts Prominenter zu Hunderten, wenn nicht Tausenden aufgelegt wurden, gab es private Motive nur in Kleinsteditionen, oft auch nur als Unikate. Sie dienten nicht zur Bewerbung einer Person des öffentlichen Lebens, sondern vielmehr einem Memento der eigenen Person, also der Aufforderung „Gedenke mir!“. Nicht umsonst fanden solche Bilder besonders zu Weihnachten oder zum Jahreswechsel den Weg in den Briefkasten, während man sich traditionell der Familie oder Nahestehenden besann und gleichzeitig sich selbst bei anderen in Erinnerung rief. Aber auch ohne festlichen Anlass kamen die Selbstdarstellungen in Umlauf und so gibt es heute auf Flohmärkten und in Antiquariaten zahllose anonyme Porträts, die „als tausend Manifestationen des absolut beliebigen Gegenstands überhaupt“ (Roland Barthes, Die helle Kammer, Kapitel 30) erscheinen mögen. Barthes bezog sich hier auf ein Foto seiner verstorbenen Mutter, das ihn zutiefst berührt hatte, das aber bei all jenen, die sie nicht kannten, solche Gefühlsregungen keineswegs auslösen könne.

Da in den meisten Fällen tatsächlich der persönliche Zugang zu den Dargestellten fehlt, konzentriert sich das Interesse zunächst auf die historische Zuordnung, eine Analyse von Kleidung, Pose, Frisur oder Machart der Aufnahme. Das vorliegende Beispiel zeigt eine junge Frau, kaum volljährig. Sie blickt in die Kamera, ihr Haar ist hochgesteckt und ihre füllige Figur steckt in einer einfachen weißen Bluse und einem dunklen langen Rock. Die Ärmel sind zerdrückt und faltig, die Aufmachung ist praktikabel, ohne Muster oder dekorative Besätze. Bis auf ein schmales schwarzes Kropfband trägt sie keinen Schmuck. Der Frisur und dem Gewand nach zu urteilen, ist die Aufnahme etwa um 1910 entstanden, der Anschriftenseite nach nicht vor 1905. Es handelt sich offensichtlich um eine Studioaufnahme, aber da Karten, die von kleinen und günstigen Fotoateliers angefertigt wurden, oft ohne gedruckte Textelemente auskamen, lässt sich der Autor oder die Autorin nicht mehr nachvollziehen. Wer es sich leisten konnte, besuchte ein namhaftes Atelier oder hatte sogar eine eigene Kamera und konnte im Familien- und Freundeskreis zahlreiche persönliche Fotopostkarten verteilen – für einen großen Teil der Bevölkerung aber war der Besitz eines eigenen Porträts noch bis in die Zwanziger Jahre etwas Besonderes.

Die Schriftseite dieser Karte birgt eine Deklaration, die zu berühren vermag, auch wenn kein Bezug zur Dargestellten besteht: „das war Meine Katin Sidoni“. In krakeliger, unsicherer Handschrift, hatte sich wohl ihr Gatte verewigt. Die Notiz ist mit Sicherheit nachträglich entstanden, da mit Kugelschreiber geschrieben wurde, der erst nach den 1950er-Jahren gebräuchlich war. Der kurze Text lässt vermuten, dass „Sidoni“ zum Zeitpunkt des Schreibens bereits verschieden war. Der Hinterbliebene wollte aber offenbar nicht nur ihren Namen festhalten, sondern auch, dass sie Teil seines Lebens gewesen war.

Magdalena Vukovic

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