August 2018

H. Chipault, No. 167, Pavillon de l’Autriche, 1937, Silbergelatine, Photoinstitut Bonartes Wien.

H. Chipault, No. 167, Pavillon de l’Autriche, 1937, Silbergelatine, Photoinstitut Bonartes Wien.

Fenster in die Alpen

Die vorliegende Karte wurde anlässlich der Weltausstellung in Paris 1937 herausgegeben. Darauf abgebildet ist eine Außenansicht des österreichischen Pavillons, entworfen von Oswald Haerdtl, der bereits für die Außendarstellung des Ständestaates auf der Ausstellung 1935 in Brüssel verantwortlich zeichnete. Die Glasfront des Gebäudes gibt den Blick frei auf ein infrastrukturelles Prestigeprojekt des austro-faschistischen Regimes in Österreich: Gleichsam einem Fenster in die Alpen sieht man ein riesiges Wandbild der Fotografen Robert Haas mit den Maßen von 30 auf 10 Metern, das die Großglockner Hochalpenstraße zusammen mit Darstellungen von der Gesäuse- und Packstrasse zeigt.

Die Präsentation zielte darauf ab, Österreich als modernes Alpenparadies, als attraktives und bequemes Reiseziel in den Vordergrund zu rücken und damit die wirtschaftlich miserable Situation zu kaschieren, in der sich der Staat damals befand. Die touristische Eroberung der Alpen sollte als wesentlicher Wirtschaftsfaktor etabliert werden, ein Vorhaben, das durch die zunehmende Kommerzialisierung eines konstruierten Bildes der Alpenheimat zum Erfolg führen sollte. Ansichtskarten erwiesen sich aufgrund ihrer Leistbarkeit und Zirkulation als ungleich wirkungsvoller als originale Abzüge von Fotografien. Zugleich waren derartige Sujets in der Werbung und Presse überaus beliebt.

Insbesondere in der Heimatfotografie konvergierte dieses Interesse mit jenem der Postkartenindustrie, charakteristische Besonderheiten eines Ortes ins Bild zu setzen. Zudem waren viele Fotografinnen und Fotografen aufgrund der wirtschaftlichen Situation gezwungen, auch Ansichtskarten zu vertreiben. Für den renommierten Tiroler Heimatfotografen Adalbert Defner beispielsweise bildeten Kalender und Postkarten die Haupteinnahmequelle. Zusammen mit Künstlern, die sich in den Dienst der Politik stellten, konnte so das Klischee der Alpenheimat weiter propagiert werden.

Die vorliegende Karte entzieht sich diesem Kontext schon alleine durch ihre Produktionsgeschichte. Sie erschien im Rahmen einer offiziellen Serie von Ansichten der Weltausstellung in Paris als Folgenummer „167“. Spätestens seit der Weltausstellung 1873 in Wien, bei der die „Wiener Photographen-Association“ um die Fotografen Oskar Kramer, Josef Löwy, Michael Frankenstein und György Klösz die Konzession für sämtliche Fotografien erhalten hatte, war es Usus, einen offiziellen Vertriebspartner für Postkarten zu bestimmen. Dieser ist auf der Adressseite der Karten angeführt: „H. Chipault, Concessionaire“. Neben dem Postkartenverleger, in diesem Fall auch der Fotograf, waren dort auch jeweils die verantwortlichen Architekten und Ingenieure mit ihren französischen Partnern angegeben. Chipault selbst erlangte übrigens durch eine Aufnahme der Gegenüberstellung des sowjetischen Pavillons mit jenem von Nazi-Deutschland im Schatten des Eiffelturmes Berühmtheit.

 

Martin Keckeis

 

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