Februar 2018

Unbekannter Fotograf, Verlag „Artysty“, Stanisławów: „Seria ‚T.G.‘ No. 8“, 1905, Postkarte, Lichtdruck, gelaufen von Sołotwina nach Wien 21.9.1905 bis 23.9.1905, Privatsammlung.

Unbekannter Fotograf, Verlag „Artysty“, Stanisławów: „Seria ‚T.G.‘ No. 8“, 1905, Postkarte, Lichtdruck, gelaufen von Sołotwina nach Wien 21.9.1905 bis 23.9.1905, Privatsammlung.

Luftkur in der Wildnis

Die vorliegende Karte ist die Nummer 8 einer Serie mit der Bezeichnung „T.G.“, eine Abkürzung für „Typy galicyjskie“ (galizische Typen), des Postkartenverlags „Artysty“ (Künstler) aus Stanisławów (damals auf Deutsch Stanislaw, heute: Stanislau). Gelaufen ist sie am 21. September 1905 von Sołotwina (Solotwyn) in Galizien nach Wien. Adressat der Karte war der Hofrat Steinbach, ein leitender Angestellter des Webereiunternehmens Johann Liebig & Co., am Hauptsitz der Firma an der renommierten Adresse Wipplingerstraße 6 im ersten Bezirk. Die Textilindustriellenfamilie Liebig unterhielt zahlreiche Fabriken, der Betrieb war damit zu einem der bedeutendsten Webereiunternehmen in Europa und zum größten Arbeitgeber der Donaumonarchie aufgestiegen.

Der Vertrieb der Serie an Typenbildern aus Galizien folgte dem Zeitgeist: die Typisierungen der verschiedenen „Volksstämme“ der Monarchie im 19. Jahrhundert sollten ein Bewusstsein divergenter kollektiver nationaler Identitäten schaffen, gleichwohl aber auch die darüber gespannte Staatsidentität untermauern. In den provinziellen Zentren im Osten der Monarchie bedienten die Pioniere der Fotografie wie etwa Juliusz Dutkiewicz oder Ignacy Krieger diesen Markt. Sie erstellten –  vornehmlich in ihren Ateliers – zum Teil theatralisch gestellte Motive von Vertretern einer bestimmten Ethnizität oder sozialer Gruppe in ihrer jeweiligen besonderen Volkstracht beziehungsweise mit für ihren Beruf spezifischen Requisiten. Für die möglichst realitätsgetreue Darstellung der oft farbenfrohen Trachten wurden Aquarellmaler angestellt, die Kolorierung sollte dem Genre zusätzliche Attraktivität verschaffen. Auf der vorliegenden Postkarte ist davon bis auf ein paar wenig elaborierte, angedeutete rote Zierlinien wohl auch auf Grund der Massenproduktion im zweifarbigen Lichtdruck kaum etwas übrig geblieben.

Die Ursprünge der Typenfotografie gingen aber vorrangig auf wissenschaftliche Interessen zurück. Zumindest in Osteuropa basierte die Spezialisierung der Ateliers zumeist auf der Kollaboration zwischen Fotografen und Volkskundlern oder anderen akademischen Kreisen auch in Hinblick auf geplante ethnographische Ausstellungen. Die dortige Präsentation in Cabinet- oder Carte de Visite-Format sorgte für eine Etablierung solcher Fotografien als beliebtes Sammelgut, und dementsprechend wurden sie mehrfach kommerziell verwertet, so auch als touristische Postkarte.

Der dargestellte Volkstyp in diesem Fall ist ein Vertreter der Huzulen, Bergbewohner in den Karpaten; ein Ort der zur damaligen Zeit nur schwer erreichbar und deshalb als umso geheimnisumwobener wahrgenommen wurde. Touristen, die es sich leisten konnten, unternahmen Expeditionen in diesen Teil Galiziens, um noch unkultivierte Wildnis zu erleben. Womöglich waren das auch die Bestrebungen des Absenders der Karte, der von seinen „in 2 Tagen bereits 4 Dutzend gemachten Aufnahmen“ und der „herrlichen Luft hier oben“ berichtet. Den Text verfasste er, wie es in der Anfangszeit der Postkarten noch gängige Praxis war, auf der Bildseite, obwohl die Karte über eine bereits geteilte Adressseite verfügte. Hier wurde von Seiten des Verlegers offensichtlich noch auf vergangene Verwendungsformen Rücksicht genommen, da der Hintergrund des Bildes unüblicher weise  komplett wegretuschiert worden war.

Martin Keckeis

 

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Typenfotografie“ liefert die Publikation: Herbert Justnik (Hg.), Gestellt : Fotografie als Werkzeug in der Habsburgermonarchie, Löcker Verlag Wien: 2014, Band 100 der Kataloge des Österreichischen Museums für Volkskunde., die u.a. auch als Quelle für diesen Text diente.

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