März 2019

Cappons Postkartenverlag (Sarajevo), Goražde, nach 1908, Postkarte gelaufen von Goražde nach Sarajewo, Heliochromie, Privatsammlung.

Cappons Postkartenverlag (Sarajevo), Goražde, nach 1908, Postkarte gelaufen von Goražde nach Sarajewo, Heliochromie, Privatsammlung.

Nationalitätenfrage

Nach der deutsch-ungarischen Okkupation Bosnien und Herzegowinas 1878 gewann der kleine Ort Goražde durch seine Nähe zur serbischen Grenze an strategischer Bedeutung. Einst von weniger als 850 Menschen bewohnt, banden die Besatzer das Dörfchen ins Zugnetz ein, förderten den Ausbau von Straßen und bauten ein eigenes Postamt. Bald entstand eine Kaserne, ein Krankenhaus sowie eine Grundschule. Zeugnis über diese Entwicklung legt eine Bildpostkarte ab, die Goražde eingebettet in sanfte, waldbewachsene Hügel zeigt. Straßen, eine moderne Brücke und ein zu beachtlicher Größe angewachsenes Gefüge kleiner und größerer Gebäude ist deutlich sichtbar, während man die das heutige Stadtbild prägende Moscheen vergeblich auszumachen versucht.

Wahrscheinlich zwischen 1908 und 1914 verließ die Karte Goražde in Richtung des etwa 50 Kilometer entfernten Sarajewo. Mit Vorfreude wandte sich die Verfasserin „Mici“ an ihren bevorstehenden Besuch „Frajlan Lina Šustar“: „Es fraj mih ser vodu šrajbst das Du ajne Besuh cumir mahst es vird mih ser frajen. Ich ervarte Dih šrajbe van Du komst.“ Das Verständnis der Zeilen fällt bei Kenntnis sowohl einer südslawischen, als auch der deutschen Sprache sicher leichter. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich nämlich, dass der Text auf Deutsch verfasst und durch eine ans Serbokroatische angepasste, phonetische Umschrift entfremdet erscheint. Diese Schreibweise gibt uns heute einen Eindruck des von „Mici“ dazumal gesprochenen, gut durchmischten Kauderwelsches, der wohl des Öfteren im so genannten Vielvölkerstaat zu hören war.

Ob und wie die vielen Nationalitäten der Habsburgermonarchie unter einen Hut, respektive zwei Kronen zu bringen waren, führte gerade beim Thema Sprache und Bildung zu hitzigen Debatten. Während in Ungarn und Böhmen die Alphabetisierung um 1900 weit fortgeschritten war und es tatsächlich nach einigen Interventionen vergleichsweise befriedigende Bildungsangebote für beide Sprachen gab, sah die Situation an der Peripherie gänzlich anders aus. Trotz flächendeckender Schulpflicht war Analphabetismus in den wirtschaftlich und politisch schwachen, unterdrückten Regionen, wie Bosnien, weit verbreitet. Und gab es ausreichendes Bildungsangebot, hatte der Unterricht in landesüblicher Sprache gegenüber dem Deutschen meist Nachrang. „Mici“ jedenfalls bewegte sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zwischen den Sprachen und hatte offenbar weniger durch schulische Bildung als durch eigenen Einsatz gelernt, sich zurecht zu finden.

Magdalena Vuković

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