Juli 2018

Weltpostverein, Bern: „Wien“, um 1904, Postkarte, Silbergelatine, gelaufen am 16.8.1904 von Wien nach Kuklena; Photoinstitut Bonartes

Weltpostverein, Bern: „Wien“, um 1904, Postkarte, Silbergelatine, gelaufen am 16.8.1904 von Wien nach Kuklena; Photoinstitut Bonartes

Ganz Wien

Am 4. August 1904 erreichte eine Ansichtskarte aus Wien „Fräulein Fanynka“ in Kuklena bei Hradec Králové (deutsch: Königgrätz). Der Schreiber, ein gewisser „Ka[rel ?]“, bat die Adressatin um Vergebung, da er offensichtlich sein Wort gebrochen hatte, wie er selbst eingestand. „Es war mir unmöglich“, beteuerte er schuldbewusst. Wohl in Sorge, dass der Kontakt in Folge abbrechen könnte, ersuchte er „Fanynka“ um Erlaubnis, auch weiterhin schreiben zu dürfen. Viel mehr vermerkte er nicht, außer dem pflichtbewussten Gruß an die Familie. Es scheint, „Ka“ habe die Karte gerade deswegen ausgewählt, weil sie nur wenig Platz für Text bot, als ob nicht nur die Bildseite, sondern auch er von Wien ganz eingenommen waren.

Zum Vergnügen hielt er sich hier wahrscheinlich nicht länger auf, war er doch als Soldat des Kavallerieregiments in der Rossauer Kaserne stationiert. Ob er Zeit hatte, all die auf der Ansichtskarte abgebildeten Sehenswürdigkeiten selbst zu besuchen, ist fraglich. In bunter Zusammenstellung waren in die Buchstaben des „WIEN“-Schriftzugs ganze zwanzig Bauten und Denkmäler hineinmontiert. Derart winzig abgebildet, bedurfte es schon einer Lupe, um etwas erkennen zu können. Einen Eindruck der Stadt gab diese Collage jedenfalls nicht , sondern verdeutlichte eher die Bandbreite des Angebots. Herausgegeben wurde die Ansichtskarte vom Weltpostverein, der wesentlich an der Verbreitung des Mediums beteiligt war. Ab Mitte der 1890er-Jahre kamen verstärkt Fotografien auf der Bildseite zum Einsatz, und so ist es verständlich, dass man die Einführung dieser Neuerung mit möglichst vielen Abbildungen ausreizte.

Wien präsentierte sich mit der serifenlosen Schrift als moderne Stadt, und das Hauptaugenmerk lag offensichtlich auch auf den vielen, damals neuen Bauten der Ringstraße. Dieses Projekt veränderte das Stadtbild nachhaltig und stellte eine Demonstration von Größe und Macht des Habsburgerreiches dar. Das Kaiserforum freilich fehlte in den Miniaturansichten, da das kostspielige Bauprojekt zu dem damaligen Zeitpunkt noch lange nicht beendet war. Das Arsenal aber, das zusammen mit der Rossauer Kaserne der militärischen Kontrolle der Stadt diente, um bei Bedarf den aufständischen Pöbel im Zaum halten zu können, thronte bezeichnenderweise zwischen Parlament und Riesenrad.

 

Magdalena Vukovic

Übersetzung der Karte aus dem Tschechischen: Petra Trnková

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