März 2018

Fotogr. u. Verlag G. Kleinhans Erben, Semmering: „Semmering. Südbahnhotel“, 1904, Postkarte, braungetönter Lichtdruck, gelaufen am 20.3.1904? von Semmering nach Wien; Privatsammlung.

Fotogr. u. Verlag G. Kleinhans Erben, Semmering: „Semmering. Südbahnhotel“, 1904, Postkarte, braungetönter Lichtdruck, gelaufen am 20.3.1904? von Semmering nach Wien; Privatsammlung.

Refugium für Betuchte

„Liebes Fräulein!“, schreibt Emma Richter am 29. März an Fani Bilkenroth in Wien, “Uns geht es ganz gut, mit meiner Frisur ist sogar mein Mann zufrieden. Wann ich zurückkomme ist noch unbestimmt [...]“ Es ist anzunehmen, dass das Ehepaar im Südbahnhotel Quartier genommen hat, zumal es eine Postkarte mit der Ansicht des Gebäudes ausgewählt hat. Die Adressatin der Karte war die nach eigenen Angaben „geübte Friseurin“ von Frau Richter, was die Bemerkung zu ihrem Haarschnitt erklärt.

Die Aufnahme stammt von den Erben von Georg Kleinhans, die in Mürzzuschlag einen Fotobetrieb und in Semmering eine Dependance unterhalten haben. Die Karte wurde im Jahr 1904 aufgelegt, nachdem sich die Eröffnung der Semmeringbahn von Gloggnitz nach Mürzzuschlag zum fünfzigsten Mal jährte. Aus diesem Anlass wurden zahlreiche Festivitäten veranstaltet, in denen die Leistung des Erbauers Carl von Ghega gewürdigt wurde.

Die Feierlichkeiten fanden im Mai und Juni 1904 vornehmlich in Wien, am Semmering und in Graz statt. Für ein Bankett im Wiener Rathaussaal am 27. Mai waren 600 Einladungen ergangen. Am selben Tag wurde das Jubiläum mit einem Volksfest auf dem Schmelzer Exerzierfeld gefeiert. Dort waren 600 Polizisten „zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zur vollständigen Absperrung des Festraumes“ aufmarschiert, wie das Deutsche Volksblatt tags darauf berichtete. Es gab also eine Veranstaltung für die Honoratioren und eine andere für die Bevölkerung. Die reichhaltige journalistische Begleitung in der Tagespresse richtete ihr Interesse jedoch primär auf die Teilnehmer und Reden im Wiener Rathaus und nur am Rande auf das Geschehen im Vorort.

Auch wenn die technische Leistung Ghegas und der Rückblick auf die weltweit erste Gebirgsbahn bei den Feiern im Vordergrund stand, war es nicht zuletzt die Zunahme des Fremdenverkehrs, die hinter den Festakten stand. Denn mit der Erschließung der Gegend durch die Eisenbahn war sukzessive die Zahl jener Wiener gestiegen, die den Semmering und seine Umgebung als Urlaubsziel wählten. In den 1880er-Jahren war der Bedarf an Übernachtungen bereits so hoch, dass im selben Jahrzehnt zwei große Hotels sowie eine Anzahl von Villen errichtet wurden. Deren Nutzung war allerdings für eine wohlhabende, zumindest gut situierte Kundschaft gedacht.

Zunächst ließ die Südbahngesellschaft, die den Erweiterung der Bahnlinien von Österreich nach Italien plante, den Ausbau von Kurorten und an den Strecken Hotels betrieb, 1882 das Semmeringhotel, das später zu Südbahnhotel umbenannt wurde, errichten. Es war ein Luxushotel mit drei Stockwerken, das 60 Fremdenzimmer sowie Baderäumlichkeiten, diverse Salons, ein Postgebäude und ein Restaurant beherbergte. Zudem wurde von der Gesellschaft eine Straße vom Bahnhof Semmering zum Hotel sowie eine Wasserleitung angelegt. Der Betrieb ist 1978 eingestellt worden, das Gebäude steht heute weitgehend leer.

Die Postkarte hat sich der Historiker und Journalist Wolfgang Kos im Zuge seiner Recherchen für die Niederösterreichische Landesausstellung 1992 „Die Eroberung der Landschaft – Semmering, Rax, Schneeberg“ vom Besitzer geliehen und später mit einem handschriftlichen Dank auf der Adressseite zurückgegeben. Damit ist die Karte ein weiteres Mal für eine Mitteilung genutzt worden.

Timm Starl

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