Dezember 2016

d’Ora, Fritzi Massary, Postkarte, Silbergelatine, gelaufen: 13. März 1924 von Wien nach Barnstorf bei Bremen, Preus museum, Horten (Norwegen).

d’Ora, Fritzi Massary, Postkarte, Silbergelatine, gelaufen: 13. März 1924 von Wien nach Barnstorf bei Bremen, Preus museum, Horten (Norwegen).

Sammlerherz

Im Frühling 1924 kontaktierte ein gewisser Willem Grütter das Fotoatelier d’Ora in Wien. Seine Anfrage beantwortete offensichtlich die Inhaberin selbst, die renommierte Gesellschaftsfotografin Dora Kallmus, genannt Madame d’Ora. Es scheint, dass er sich nach dem Erwerb von Fotografien Prominenter erkundigt hatte – wie zum Beispiel des Opernsängers Alfred Piccaver, dem österreichischen Operettenstar Louise Kartousch oder der Sängerin Fritzi Massary. D’Ora schrieb ihm eine Fotopostkarte zurück, auf der die Massary, lasziv blickend und von üppigem Federschmuck flankiert, Werbung für das Studio in der Wipplingerstraße 24 machte, dessen Spezialität eben jene glamourösen Porträts waren.

Die Anfrage erreichte Madame d’Ora während einer Zeit des Umbruchs. Sie wollte gerade über Wien hinaus expandieren und plante, eine Filiale in Paris zu eröffnen, das ab 1927 ihr Lebensmittelpunkt werden sollte. An den Preisen der Abzüge erkennt man eine Zeit der Hyperinflation. D’Ora ließ Grütter wissen, dass ein Abzug im Format 18 × 24 cm 250.000 Kronen koste (im Vergleich dazu legte man für einen Liter Milch etwa 5.500 Kronen auf den Tisch). Sie erwähnte auch, dass er in der Kunsthandlung Metropol in der Innenstadt ihre Fotopostkarten wesentlich günstiger erwerben könne.

Bereits zu Schulzeiten, noch vor dem Ersten Weltkrieg, investierte Grütter sein karges Taschengeld in den Erwerb von Abzügen. Er wandte sich dann an die fotografischen Ateliers direkt, nachdem er zuvor in illustrierten Zeitschriften wie Die Dame und Die Woche die Bilder seiner Sehnsüchte erblickt hatte. Im Laufe der Zeit häufte er eine Sammlung von beachtlichem Ausmaß an, unter anderem mit zahlreichen Fotografien von Nicola Perscheid – bei dem d’Ora wie auch ihr späterer Geschäftspartner Arthur Benda, Unterricht genommen hatten –, Cecil Beaton, Alfred Renger-Patzsch und vor allem Madame d’Ora. Die Sammlung vermachte Grütter 1972 der Landesbildstelle Hamburg, später übersiedelte sie ins dortige Museum für Kunst und Gewerbe.

Als Grütter d’Ora zum ersten Mal anschrieb, konnte er noch nicht wissen, welche Rolle sie füreinander in gut 20 Jahren spielen würden. Während des Zweiten Weltkriegs, um 1940, schrieb er ihr erneut, um wieder Fotografien zu erwerben. Da er d’Ora nicht erreichen konnte, wandte er sich daraufhin an ihre Schwester Anna Kallmus, die sein Schreiben weitergab. D’Ora war während dieser Zeit aber damit beschäftigt, ihr Studio in Paris aufzulösen, da sie als Jüdin (die 1919 zum katholischen Glauben konvertiert war) die nahende Bedrohung der Nationalsozialisten fürchtete und eine Flucht für sich und ihre Schwester in die USA vorbereitete, zu der es leider nie kam. Anna Kallmus, die bis dahin im gemeinsamen Haus „Doranna“ im kleinen Ort Frohnleiten in der Steiermark gelebt hatte, wurde 1942 deportiert und kurz darauf ermordet. Die Nazischergen arisierten das Haus und der neue Bürgermeister des Orts bezog es. D’Ora hielt sich währenddessen in einem kleinen Ort in Südfrankreich versteckt und kehrte 1945 nach Paris zurück, wo sie desillusioniert, depressiv und erschöpft ihre Arbeit als Fotografin wiederaufnahm. Die weichgezeichneten Studioaufnahmen wurden nun abgelöst von Bildern in Pariser Schlachthöfen mit abgetrennten und abgezogenen Kadaverteilen oder einfühlsamen Porträts ihrer alternden, zum Teil schwer kranken Freundinnen und Freunde sowie junger Balletttänzerinnen und -tänzer, in exaltierten Posen in prunkvollen Wohnräumen inszeniert. 1948 nahm d’Ora wieder Kontakt zu Willem Grütter auf, beantwortete seine acht Jahre zurückliegende Anfrage, die er damals an ihre Schwester gestellt hatte. In der Folge entwickelte sich ein intensiver Briefwechsel. Grütter wurde zu einer wichtigen Bezugsperson d’Oras in ihren letzten Lebensjahren – sie nannte ihn liebevoll ihre „Oase“ –, sicherlich auch aufgrund des regen Interesses und der Bewunderung, die er ihrer Arbeit entgegenbracht. Er kaufte regelmäßig Bilder und versorgte sie mit Zigaretten und Brenzkatechin, einer Entwicklersubstanz, die nach dem Krieg nur schwer zu bekommen war. Nach ihrem Tod übernahm er ihren Nachlass.

Magdalena Vukovic

 

Vielen Dank an Hanne Holm-Johnsen (Preus museum, Horten) sowie Cathrin Hauswald (Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg).

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