Oktober 2016

R. Rivière, "Catastrophe des Ponts-de-Cé, 4 août 1907, Une heure après l’accident". Lichtdruck, 1907, gelaufen von Angers nach Ponts-de Cé am 13. August 1907, Privatsammlung.

R. Rivière, "Catastrophe des Ponts-de-Cé, 4 août 1907, Une heure après l’accident". Lichtdruck, 1907, gelaufen von Angers nach Ponts-de Cé am 13. August 1907, Privatsammlung.

"Une heure après l’accident" – Bildliche Tagesberichterstattung auf Postkarten

An einem sommerlichen Sonntag, dem 4. August 1907, fanden sich zahlreiche Einwohner von Angers und Umgebung am Bahnhof Saint-Laud ein, um den Zug zu besteigen, der sie – so dachten sie jedenfalls – an die Ufer der Loire bringen würde, um dort im Beisein ihrer Familien einen Tag der Entspannung und Erholung zu verbringen. Doch die Reise wurde unvermittelt und dramatisch durch den Einsturz der Brücke über die Loire bei Ponts-de-Cé beendet. Gerade als sich der Zug zwischen Widerlager und erstem Pfeiler befand, gab die Fahrbahnplatte mit samt den Gleisen unter seiner Last nach und brach durch, so dass die Lokomotive und die ersten vier Waggons in den Fluss stürzten. Die Eisenbahnkatastrophe, die 29 Menschen das Leben kostete, erschütterte die gesamte Region noch lange Zeit. Einen Beitrag zur Bewahrung des Ereignisses im kollektiven Gedächtnis der Region leisteten die Fotografien von R. Rivière, einem in Angers ansäßigen Fotografen, die laut Untertitel nur eine Stunde nach dem Unglück aufgenommen worden waren und in der Folge als Originalabzüge oder drucktechnische Reproduktionen in Form sogenannter Gelegenheits- und Ereignispostkarten vertrieben wurden. Diese Praxis – mag sie aus heutiger Sicht auch pietätlos wirken – war zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchaus üblich, denn durch die Weiterentwicklung der Fotoapparate und der Positivpapiere konnten plötzlich auch Amateure serienweise Postkarten fabrizieren und verkaufen. Dadurch waren Bilder vom Tagesgeschehen auf Postkarten aktueller und auch billiger als jene, die in den illustrierten Zeitschriften erst Tage später publiziert wurden, und Postkarten nahmen so in der bildlichen Tagesberichterstattung eine wichtige Rolle ein.

Bei der vorliegenden Karte handelt es sich jedoch nicht um einen mit Postkartenaufdruck versehenen Originalabzug eines Amateurs, sondern um einen auf Basis der Fotografie angefertigten Lichtdruck eines Verlags. Das Motiv stammt aus einer umfangreichen Serie von Bildern von Rivière vom Schauplatz des Unglücks aus verschiedensten Blickwinkeln – hier eine wahrscheinlich von einem Boot aus gemachte Aufnahme, die einen fast vollständig gesunkenen Waggon und die havarierte Lok im Flussbett unter der eingestürzten Brücke zeigt. Sie wurde am 13. August 1907 in Angers mit Zieladresse im Ort des Unglücks, Ponts-de-Cé, aufgegeben. Postkarten wie diese waren in der Region offensichtlich in hoher Stückzahl verfügbar und wurden nicht nur zur Aufklärung über tagesaktuelle Ereignisse, sondern auch für banale, alltägliche Konversationen benutzt. Bemerkenswert in diesem Fall ist, dass sogar für die Korrespondenz im Rahmen von Reisevorbereitungen mit einer engen Freundin eine Karte mit dem Sujet eines Eisenbahnunglücks verwendet wurde. Was heute undenkbar wäre, war auch schon zu Beginn des Eisenbahnzeitalters noch unvorstellbar. Den ersten Konzessionären von Eisenbahnlinien lag vielmehr daran, auf Bildern den Komfort und die Sicherheit des noch neuen Transportmittels zu vermitteln und damit trotz immer wieder auftretender Unfälle neue Bevölkerungsgruppen als Reisende zu gewinnen. Deshalb wurde etwa auf den Fotografien von Édouard Baldus, die er in den 1850er Jahren für die Betreibergesellschaft der nördlichen Linie in Frankreich anfertigte, prinzipiell auf die Abbildung von Lokomotiven und Zügen verzichtet. Wo keine Lok, da auch kein Potential für ein Unglück. 50 Jahre später hatte sich die Eisenbahn als weitgehend sicheres Transportmittel etabliert, und auf die ‚protojournalistische Bildproduktion‘ von Fotopostkarten hatten derlei Vorbehalte ohnehin keinen Einfluss.

Martin Keckeis

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