November 2016

Anonym, Verlag Philipp Rubel, Wien: „Der Bombenwerfer Čabrinović“, Sarajewo, Juni 1914, maschineller Originalabzug, Silbergelatine, ungelaufen; Privat-sammlung

Anonym, Verlag Philipp Rubel, Wien: „Der Bombenwerfer Čabrinović“, Sarajewo, Juni 1914, maschineller Originalabzug, Silbergelatine, ungelaufen; Privat-sammlung

Wechselvolle Geschichte/n

1971 wurde das Motiv dieser Postkarte in der Nummer 3 der deutschen Monatsschrift Foto und Film-Prisma mit folgender Legende vorgestellt: „Philipp Rubel: Gefangennahme von Gavrilo Princip nach dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand, Sarajewo, 28. Juni 1914“. In seiner Geschichte der Photographie von 1983 veröffentlichte der bekannte amerikanische Fotohistoriker Helmut Gernsheim das Bild mit nahezu gleichlautender Unterschrift: „Philipp Rubel: Die Festnahme von Gavrilo Princip nach dem Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo am 28. Juni 1914“. Vor und nach diesen Veröffentlichungen wurde immer wieder Philipp Rubel als Autor genannt, wie man auch die festgenommene Person als Gavrilo Princip identifizierte, selbst wenn sich keine entsprechenden Vermerke auf der Vorlage befunden haben.

2012 stellte der renommierte italienische Fotohistoriker Anton Holzer unter dem Titel „Der Mörder, der keiner war“ in der Tageszeitung Die Presse vom 16. Juni 2012 mehrere Zuweisungen richtig. Zum einen habe Rubel ausschließlich als Verleger von Postkarten in Wien agiert und niemals eine Tätigkeit als Fotograf ausgeübt. Und bei dem abgebildeten Delinquenten handle es sich nicht um Princip, sondern um einen Mann namens Ferdo Behr, der „mit dem Attentat nichts zu tun hatte“. Einen Hinweis auf die Herkunft des Fotos meinte Holzer schließlich in der Hamburger Illustrierten vom 9. Juli 1914 gefunden zu haben, wo mit dem Quellenvermerk „phot. Trampus“ die Spur zur Pariser Agentur von Charles Trampus führte. Von dieser mag Rubel, so die Vermutung, die Vorlage erworben und unter seinem Namen das Foto als Postkarte veröffentlicht haben.

Diese neuen Erkenntnisse von 2012 wurden seither in manch historischen Rückblicken übernommen. Doch die Wege der Aufnahme vom Negativ bis zur Veröffentlichung als Postkarte und in der Presse sind weit weniger verschlungen. Denn das Recht zur Publikation hatte Rubel direkt vom Fotografen erworben. Weshalb auch auf der Rückseite der Postkarten immer „Eigentum u. Verlag Philipp Rubel Wien IX.“ aufgedruckt ist. Die Aufnahme jedoch stammt von dem österreichischen Fotografen Walter Tausch, der 1910 in Sarajewo eine „Photographische Kunstanstalt“ in der Kulovica Straße eröffnet hatte.

Er fotografierte die Ankunft des Erzherzogs und Thronfolgers Franz Ferdinand und der Herzogin Hohenberg in Ilidze und später, wie beide am 28. Juni 1914 wenige Minuten vor dem Attentat das Rathaus von Sarajewo verließen, die Fahrt durch die Stadt sowie „die Eskortierung des Mörders Prinzip und seiner Genossen in das Gefängnis“. Die Information, dass es sich auf dem Bild um den „Bombenwerfer [Nedeljko] Čabrinović“ gehandelt hat, wird der Fotograf wohl weitergegeben haben. Philipp Rubel erwarb das Privileg der Vervielfältigung für Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich, Tausch behielt allerdings das Recht für die Wiedergabe in der illustrierten Presse und sendete Aufnahmen unter anderem an die Österreichische Zeitungsdruckerei-AG in Wien, die ohne Erlaubnis „Ansichtskarten“ herstellte. Im Gerichtsverfahren, das Rubel deshalb angestrengt hatte, wurde die Druckerei freigesprochen, weil es sich nicht um Porträts, sondern um „Situationsbilder“ handle und auf den Abzügen kein entsprechender Vorbehalt vermerkt war. So erklärt sich, weshalb auf den meisten Bildvorlagen kein Hinweis auf die Herkunft verzeichnet ist, da sie aus der Wiener Druckerei stammten. Wogegen jene Postkarten, die Rubel hat herstellen lassen, gewöhnlich seine Daten aufweisen, es sei denn er hat daneben zusätzlich Stücke ohne Aufdruck in den Handel gebracht.

Die Identität des Fotografen sowie der Erwerb der Rechte durch den Verleger Rubel sowie die Aktion der Österreichischen Zeitungsdruckerei-AG sind seit dem Jahr 1915 bekannt. Veröffentlicht wurden die Daten innerhalb der Reportage zur Gerichtsverhandlung, die am 15. Jänner 1915 in Wien stattgefunden hat und von der unter anderem im Neuen Wiener Tagblatt vom 16. Jänner 1915 berichtet wird. Und auch Fotohistoriker hätten auf diese Informationen stoßen können, zumal eine entsprechende Mitteilung in dem Fachorgan Photographische Korrespondenz von 1915 (S. 97) enthalten ist. Und der Hinweis darauf sowie eine Kurzfassung zum Gerichtsverfahren sind seit dem 21. Dezember 1998 in der Datenbank „Biobibliografie zur Fotografie in Österreich“ innerhalb der Website der Albertina nachzulesen.

Timm Starl

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